Vom sommerlichen Berlin führen zahlreiche Stufen hinunter in die Geisterbahn der Filme ; schon von Weitem hört man das Surren der Projektoren. Wer die Ausstellung 100 x Berlin betritt, besucht nicht nur eine aufwendige Installation und eine einzigartige Super-8-Filmschau, sondern zugleich einen Erinnerungsraum.

100 Projektoren hat der Filmemacher und Installationskünstler Jürgen Lossau im Keller der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg aufgebaut. Es ist eine Arbeit voller Tücken. Die Projektoren sind mehrere Jahrzehnte alt und können jederzeit ausfallen. Im Moment aber laufen sie und zeigen im Loop kurze Ausschnitte aus Super-8-Filmen. Die Loops beanspruchen das Material stark, was nicht nur zu Kratzspuren führt. Manche Filme reißen, andere brennen durch. Die Zerstörung gehört zum Programm der Ausstellung. Jeder Film soll so viele Schleifen durchlaufen, bis der jeweilige Schnipsel unbrauchbar geworden ist. Der Aufbau von Lossau wird so zu einer Art Supernova aus Zelluloid. Längst vergessene, aussortierte und verramschte Super-8-Filme haben im Rahmen der Ausstellung ihren letzten großen Auftritt, bevor sie dem Vergessen anheimfallen.

Die ausgewählten Filme zeigen Berlin aus den unterschiedlichsten Perspektiven: Straßenschluchten, Bombenkrater, Parks, Wiesen und Freibäder. Zu losen Themenblöcken geordnet, flimmern 80 Jahre Berlin über die gemauerten Wände des Bierkellers. Blickt die Kamera eben noch in die Mündung eines Panzergeschützes, sitzen ein paar Meter weiter schon Kinder mit roten Wangen unterm Weihnachtsbaum. Die zwanziger Jahre wechseln mit den Siebzigern, auf Trümmerfrauen folgen Hochzeitsbräute. Es sind sowohl historische Ereignisse, die als Kauffilme erhältlich waren, als auch private Erinnerungen. Aus der Vielfalt der gefilmten Momente ergibt sich die Vergangenheit einer Stadt. Ein buntes Kaleidoskop.

Über ein Jahr lang hat Lossau Material zusammengetragen; er durchforstete Dachböden, Flohmärkte, erstand Filmrollen per Internet und aus Nachlässen. 30.000 Meter Film wurden gesichtet, geordnet und geschnitten. Wann immer ein Film der Ausstellung kaputtgeht, hat Lossau Nachschub parat. "Es hat mich schon gewundert, dass so viele Leute ihre privaten Erinnerungen einfach in fremde Hände geben", sagt Lossau. "Deshalb haben wir auch keine Scheu davor, das Material in der Ausstellung zu zerstören. Schließlich waren die Filme schon in dem Moment tot, als ihre Besitzer sie weggeworfen haben."