Wenn ich morgens ins Büro gehe, dann hoffe ich, dass über Nacht nichts Schlimmes passiert ist.

Kevin. Lea-Sophie. Fünf Kinder in Darry. Sie sind ständige Begleiter in meiner Arbeit als Sozialarbeiter in einem Jugendamt. Auf meinem Schreibtisch erwartet mich die Liste der unerledigten Arbeiten. Dazu erreichen mich täglich etwa 20 bis 30 neue Telefonate, E-Mails, Briefe. Informationen über hilfebedürftige Kinder - von Familienmitgliedern, Nachbarn, Erziehern, Betreuern, Familienhelfern, Ärzten, Lehrern, Polizisten, Richtern. Dazu kommen Hausbesuche, Hilfekonferenzen, Teamsitzungen, Fallbesprechungen. Jede Information muss notiert, bewertet und nach Dringlichkeit sortiert werden. Selten kann ich meinen Plan für den Tag einhalten. Ein neuer Anruf genügt, um den ganzen Tagesablauf über den Haufen zu werfen. Denn jede Nachricht kann über das Schicksal eines Kindes entscheiden. Kevin. Lea-Sophie. Fünf Kinder in Darry.

Im Einzugsgebiet meines Teams leben 7300 Menschen zwischen 0 und 21 Jahren, die Zielgruppe des Jugendamts. Das sind im Durchschnitt 860 pro Sozialarbeiter. Kinder und Jugendliche jeglicher Herkunft und Nationalität, überwiegend mit niedrigem sozialen Status. In manchen Kitas und Schulen sind über 90 Prozent der Kindern nicht deutscher Herkunft. Die Zahl der Schulversager nimmt ungekannte Ausmaße an. Wer es sich leisten kann, zieht weg. Dafür kommen noch mehr Menschen, die es sich nicht leisten können, woanders zu leben.

In meinem Team betreut jeder etwa 80 Familien gleichzeitig und über einen längeren Zeitraum. Viele davon sind unvollständige Familien, meist fehlt der Vater. 80 Familien, das sind 120 bis 130 Kinder. 80 Familien, das sind im Schnitt 24 Minuten in der Woche pro Familie, einschließlich Dokumentation und Aktenführung. Zeit für Gespräche? Zeit für Prävention?

Die Zahl der Meldungen über gefährdete Kinder steigt seit Kevins Tod beständig. Sie werden eingestuft als dringend, sehr dringend oder absolut dringend. Wir gehen jeder Meldung nach. Sofort. Zu zweit (nach Möglichkeit). Wir müssen Entscheidungen treffen. Sofort. Kann das Kind in seiner Umgebung bleiben oder müssen wir es in Obhut nehmen? Wir machen Krisensitzungen und arbeiten Gefährdungs-Checklisten ab wie der Pilot eines Flugzeugs vor dem Start. Sie helfen nicht wirklich. Menschen sind keine berechenbaren Maschinen. Es gibt zu viele Variablen. Und manchmal stürzt ein Flugzeug ab – trotz Checkliste.

Haben wir etwas übersehen? Haben wir eine Meldung oder eine Gefährdungssituation falsch eingeschätzt? Welches der Kinder, für die wir verantwortlich sind, könnte Kevin sein? Oder Lea-Sophie? Und andersherum: Mit der Angst steigt zugleich die Gefahr der Überreaktion. Die Zahl der Inobhutnahmen und Sorgerechtsentzüge ist in Deutschland signifikant gestiegen, seit Kevin gestorben ist. Das Grundgesetz schützt ausdrücklich die Familie, nicht das Kind. Was ist richtig, was ist eine angemessene Intervention?

Morgens vor der Arbeit höre ich in den Nachrichten, in einer betreuten Mutter-Kind-Einrichtung hat ein Vater während eines Besuchs sein Kind derart auf den Boden geschleudert, dass es daran gestorben ist. In einer betreuten Mutter-Kind-Einrichtung! Wer käme je auf die Idee, ein Vater könnte seine Tochter in einer Einrichtung der Jugendhilfe zu Tode bringen? Zwei Tage vorher habe ich zwei Kinder aus einer anderen Mutter-Kind-Einrichtung in Obhut genommen, wegen der unkontrollierbaren Aggressivität des Vaters. Glück gehabt! Glück gehabt?

Der Vormund und der Sozialarbeiter von Kevin sind angeklagt. Nicht die Vorgesetzten, nicht die Politiker, die einen strikten Sparkurs verordnet hatten. Gegen das Jugendamt Schwerin wurden Dutzende von Anzeigen erstattet, denn in Schwerin verhungerte die fünfjährige Lea-Sophie. Der Bürgermeister geht in den einstweiligen Ruhestand, die Sozialarbeiter werden sich vor Gericht verantworten müssen.