Den Namen Thorsten Schulz wird man sich fortan merken müssen, kommt die Rede auf die deutsche Kurzgeschichte. Die kürzlich unter dem Titel Revolution und Filzläuse erschienene Geschichtensammlung des 1959 in Ostberlin geborenen Autors besitzt alles, was die sogenannte "Kleine Form" im Bestfall ausmacht: ruhige, gerade Geschichten, die antrainierte Lesererwartungen kühn unterlaufen. Und Schulz präsentiert Charaktere, die man lange nicht vergisst.

Seine Geschichten erinnern an amerikanische Short-Story-Autoren wie Raymond Carver, Andre Dubus oder Bernard Malamud. Ähnlich wie die Amerikaner bannt auch Schulz ganze Lebensläufe auf gerade mal eine Handvoll Seiten. Er tut es lakonisch und auf wunderbar subtile Weise; er illustriert, ohne zu klären, ohne Tricks und faulen Zauber. Seine reibungslose Sprache funktioniert wie ein Kontrastmittel, durch das er das häufig chaotische Innere seiner Figuren sichtbar macht.

„Durch das Drehbuchschreiben bin ich auf die kurze Form konditioniert“, sagt der mehrfach preisgekrönte Drehbuchschreiber Schulz. An der Filmhochschule Babelsberg lehrt er Praktische Dramaturgie. Nach seinem viel beachteten Roman Boxhagener Platz von 2004 zeigt er sich nun als Könner auf der Kurzstrecke. "Ich habe die Form vollkommen verinnerlicht", sagt er, "und ein intuitives Gefühl dafür entwickelt." Schulz beschreibt Menschen, die ins Straucheln geraten und weit davon entfernt sind, Frieden mit sich zu machen.

So allem voran die an den Rollstuhl gefesselte Rentnerin Lore in dem Stück Rollschuhlaufen . Eines Morgens fasst sie den Entschluss, sich von ihrem Sohn nach Erlangen fahren zu lassen: Sie muss noch einmal ihren Mann sehen, der sie vor mehr als 50 Jahren wegen einer Rollschuhläuferin verlassen hat.

"Sie nimmt die Reisetasche auf ihren Schoß und rollt von der Küche in den Flur.
'Wir fahren nach Erlangen, oder hasst du vergessen, dass dein Vater heute Geburtstag hat?'
Sie öffnet die Wohnungstür und fährt energisch über die Türschwelle.
'Ich hoffe, du hast das Auto vor der Tür stehen.'"

Drei, vier dürre Sätze, und Schulz hat den Leser dort, wo er ihn haben will: Im Zentrum seiner Geschichte.

"Das ist nicht dein Ernst, dass kann nicht dein Ernst sein", sagt ihr Sohn.
"Warum soll das nicht mein Ernst sein? Das ist mein voller Ernst. Und nun trage mich bitte die Treppe hinunter."