Um es gleich vorweg zu sagen. In einem Fußballspiel der Deutschen gegen die Türken versagt die Erinnerung an bittere Kriege und heroische Siege von anno dazumal. Franzosen, Briten, Österreicher, Serben und viele mehr haben sich Gefechte mit den Türken geliefert. Doch Deutschland und der Staat der Türken, ob das Osmanenreich oder die Republik von 1923, haben niemals Krieg gegeneinander geführt. Das können die Dresdner Jungnazis, die Mittwoch Nacht brandschatzend in Döner-Restaurants eingefallen sind, nicht wissen. Denn zum Nationalisten wird ja meist nur, wer die Nationalgeschichte nicht kennt.

Um das Spiel Deutschland-Türkei und den glücklich-knappen Ausgang für die Deutschen besser zu verstehen, wollen wir also ein paar unblutige Fakten aus dem Archiv ziehen. Die Geschichte von Deutschen und Türken im vergangenen Jahrhundert ist die Geschichte von Geben und Nehmen, meist zum Vorteil beider Seiten.

Beginnen wir gleich mit Hamit Altintop, dem FC-Bayern-Recken, dem türkischen Helden, dem überragenden Spieler im Basler Stadion. Seine Eltern schenkten Deutschland ein großes Talent, Deutschland revanchierte sich mit einer erstklassigen Ausbildung. Ohne das fußballerische Stahlgewitter bei Schwarz-Weiß-Gelsenkirchen-Süd, TuS Rotthausen und SG Wattenscheid 09 wäre der Ruhrpottkicker nicht zu dem geworden, der er heute ist. Die Ausbildung zahlte er zurück mit glänzenden Auftritten bei Schalke 04 und seit 2007 beim FC Bayern. Dafür lieben Deutsche und Deutschtürken ihn am Bundesliga-Samstag. Doch auch Deutschland musste geben. Hamit Altintop spielte nie in der DFB-Auswahl, sondern in der türkischen Nationalmannschaft, und dort wurde er gestern zum besten Spieler gegen die Deutschen.

Das führt uns nicht direkt, aber mit etwas Fantasie doch recht zügig, zu einem Schlachtschiff aus dem Ersten Weltkrieg, an das sich viele Deutsche nicht mehr erinnern, wohl aber die Türken. Die Goeben hat am Bosporus immer noch einen Klang wie Donnerhall. Kaiser Wilhelm II. hatte im Spätsommer 1914, Deutschland stand schon im Krieg gegen die Westmächte, diesen Schlachtkreuzer der deutschen Kriegsmarine den Türken überlassen. Befeuert von 24 Kohledampfkesseln und in Yavuz Sultan Selim umgetauft, kämpfte die Goeben gegen Russen und Briten, die im Ersten Weltkrieg das Osmanische Reich zu zerstückeln suchten. Auf der Brücke der Goeben stand der deutsche Kommandeur Richard Ackermann. Das von Blohm & Voss in Hamburg gebaute Schiff versperrte der russischen und britischen Marine jahrelang den strategischen Weg durch die türkischen Meerengen.

Ähnlich eng sah es übrigens im gestrigen Spiel Deutschland-Türkei im Mittelfeld für die DFB-Auswahl aus. Lange Zeit schoben sich Ballack, Rolfes, Podolski & Co. die Bälle hin und her, um ihn schließlich jämmerlich zu verlieren. Die Türken hatten ihre Hälfte dichtgemacht, wie einst Richard Ackermann mit der Goeben den Bosporus gegen Briten und Russen. Unübersehbar war, dass den Deutschen hier ein Türke fehlte. Einer wie Mehmet Scholl, der deutschtürkische Mittelfeldjoker von Bayern München, der viele fast verlorene Spiele für die Bayern drehte und mit der deutschen Nationalmannschaft 1996 Europameister wurde. Glück für die Deutschen, dass sie wenigstens ihren Polensturm hatten, in Form von Podolski (Flanke auf den Torschützen Schweinsteiger in der 26. Minute) und von Klose (Einköpfen für Deutschland in der 79. Minute).

Man sieht also: Einwanderung lohnt sich. Das wissen die Türken nur zu gut, die in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts vielen Deutschen Asyl boten, die auf der Flucht vor den Nazis waren. Ihre Talente lagen in der Türkei nicht brach. Der berühmte Berliner Architekt Bruno Taut dozierte an der Akademie der Künste in Istanbul, der ordoliberale Ökonom Wilhelm Röpke wirkte an der Universität Istanbul, der spätere Berliner Bürgermeister Ernst Reuter lehrte Städtebau in Ankara. Man muss die Stärken der Einwanderer nur frühzeitig erkennen.

Da kann der DFB noch dazulernen, denn im Werben um die guten Deutschtürken in der Bundesliga verliert er seit Jahren stets gegen die bestens aufgestellten türkischen Verbände. Das liegt nicht einfach an türkischem Nationalgefühl oder mangelnder Integration. Hier fehlt der DFB-Auswahl ein deutsch-türkischer Scout, der Samstags nach dem Spiel von TuS Rotthausen die Knieschoner putzt.