Das Wort ist großartig. Eigentlich müsste es zum Wort des Jahres werden. Auch, damit nicht plötzlich eine dumpfe Backe es zum Unwort macht: Mischidentität. Schon im Vorfeld des Deutschland-Türkei-Spiels war viel von den deutschtürkischen Mischidentitäten die Rede: "Wenn meine Türken auf die Mütze kriegen, bin ich trotzdem im Finale", sagten beispielsweise viele Berliner. Auch ich bin als Mischidentität aufgewachsen. Und es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen meiner Mischidentität und der Spielanalyse vom Halbfinale Russland gegen Spanien, zum Spiel später mehr.

Zunächst eine Feststellung: Wer eine Mischidentität besitzt und zudem noch eine mischidentische Familie aufgebaut hat, der gerät während einer EM in die schönsten Dilemmata. Kritiker sprechen zwar dann vom Windfahnenfan, aber darum hat man sich nicht zu kümmern. Als mischidentisches Wesen ist man in Turnieren meist lange dabei. Ich bin zweimal im Finale. Und das wusste ich schon vor den beiden Halbfinals.

Da meine Familie aus schweizerischen, deutschen und türkischen Genen besteht, war ich im ersten Halbfinale, Deutschland gegen die Türkei, gleich dreimal voll dabei. Schließlich war der Schiedsrichter Schweizer. Im zweiten Halbfinale, Russland gegen Spanien, war es ansatzweise ähnlich: Meine Tochter trägt aufgrund gewisser Affinitäten einen spanischen Namen. Also war ich ganz klar für die Spanier.

Nur, hätten die Russen gewonnen, wäre ich auch ein kleines bisschen ins Finale gekommen. Bis vor Kurzem hat mich deren Team zwar weder gekitzelt noch geärgert; ihm galt meine ganze geballte Gleichgültigkeit. Aber ein Wochenende in Helsinki kann im Leben eines Menschen viel verändern.

Ich saß in einem finnischen Irish Pub, schaute mir Holland-Russland an – und war für die Holländer (schließlich habe ich halbholländische, mischidentische Freunde).

Zufälligerweise aber setzte sich ein grummliger Mann neben mich. Im Lauf der Partie gab er sich als glühender Russe und Russenfan zu erkennen, wurde immer freundlicher. Wie soll ich sagen? Wenn man sich in 90 Minuten mit einem Wildfremden anfreunden kann, dann ist uns das beinahe gelungen. Ich mutierte zum hochprozentigen Russenfreund und durfte am Ende des Spiels einen großen Sieg meiner Mannschaft feiern. Zu meiner Mischidentität gehören also nun Spanier und auch Russen. Das hat meine Situation im Halbfinale gestern Abend komplex gemacht.