Der Fußball ist beängstigend weit in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. Fußballfans sind nicht mehr nur dumpfe Alkoholiker, viele tragen mittlerweile Anzüge, sind gebildet und können reden. Das macht sie so gefährlich, für den Fußball.

In jeder Kneipe sitzen jetzt auch junge, gut gebildete Menschen, die ihren Mangel an Sachkenntnis mit unerträglicher Theatralik wettzumachen suchen. Schwächen im Aufbauspiel werden mit genervtem Augenrollen und lauten Zwischenrufen ("Nun spielt doch mal anständig!") quittiert. Unabhängig vom Spielstand und verbleibender Spielzeit ist jederzeit mit Informationen über das Berufs- und Privatleben solcher Zuschauer zu rechnen. Nach drei Wochen EM weiß ich: Nein, ich mag ihn nicht, diesen BOSS-Hemd tragenden Fußball.

Karin mag ihn offenbar auch nicht. Sie steht hinter dem Tresen der Kneipe "Zum Fass". "So was gibt’s bei den Schickimickis in der Nachbarkneipe", raunzt Karin, als ich nach einem Beck’s frage. Was haben Sie denn? "Warsteiner, Holsten, Köpi." Dies könnte der richtige Ort sein. Ein großer Spielomat. Die Tischlampen tauchen den Laden in ockerfarbenes Licht. An der Wand hängt ein Schild: "Die kleine Kneipe in unserer Straße. Da wo das Leben noch lebenswert ist." An jedem der vier Holztische sitzt ein Mann. Drei tragen Lederjacken, zwei Schnauzbärte. Sie rauchen, schweigen und betrachten die Spielübertragung. Hier wohnt er also, der kleine Mann.

Spanien ist feldüberlegen, kommt aber zu wenigen Torchancen. "Die müssen ihre Feldüberlegenheit mal in Torchancen ummünzen", sage ich zu dem Lederjackenmann, der neben mir sitzt. Er schaut mich kurz an, sagt aber nichts. Kurz darauf sagt er zu einem anderen Lederjackenmann: "Die müssen mehr Chancen rausspielen." Der andere Lederjackenmann schweigt und nickt. Hier funktionieren Gespräche über Fußball noch hierarchisch.

Kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit fällt das 1:0 für Spanien. "Tor", kommentiert der lederjackenlose Mann, der offenbar in der Hierarchie ganz oben steht. Und: "Technisch wunderbar gemacht." Die anderen nicken. Karin spendiert eine Runde Holsten. Ich begreife: Es ist wichtig, kurze, zustimmungsfähige Sätze zu äußern. Also sage ich: "Wenn die Russen ein Tor schießen, sind sie wieder im Spiel." Ich ernte allgemeines Nicken. Einer brummt sogar: "Stimmt."

Spanien ist mittlerweile deutlich überlegen, die Russen leisten kaum noch Gegenwehr. Nach einer zwanzigminütigen Schweigephase ist jetzt offenbar die Zeit für ein Fachgespräch angebrochen. Der Lederjackenlose lehnt sich zurück, pustet Zigarettenrauch in die Luft und sagt: "Die Russen haben ja auch als einzige Mannschaft keinen Neger." Darauf ein anderer: "Dann müssen wir den Odonkor bringen gegen Spanien." Allgemeine Zustimmung, Runde Holsten.