Die Verhärtung in Ballacks rechter Wade, ich muss es gestehen, verdüstert für mich nicht die helle Heiterkeit dieser Tage. Ich wünsche ihm, dass die Wade nicht schmerzt. Aber wenn er nun beim Endspiel nicht dabei wäre: Seinen heroischen Moment bei dieser Europameisterschaft hatte er längst! Sein Freistoß gegen Österreich – mehr noch im Augenblick, da er den Ball traf, sein Blick: wild, wölfisch, wahnsinnig – sichert ihm seinen Platz in der Bildergalerie  unserer Erinnerungen an Wien und Basel 2008. Ballack, der Brecher.

Ansonsten war es ein Sommer der sanften Sieger und der verspielten Patrioten. Wer in diesen Junitagen durch Niedersachsen fuhr, das schönste aller Bundesländer, sah Schwarz-rot-gold auf den Höfen und in den Gärten, vor den Kneipen und über den Pferdekoppeln. Und unter Storchen-Nestern. So kann uns der Patriotismus gefallen.

Abschied vom Fußballsommer, der – zumindest im Norden – wieder von der Sonne durchglüht war, so wie im großen WM-Sommer 2006. Am Endspielsonntag werden wir die letzten dieser herrlichen Stunden  erleben: Die Wärme des Tages noch auf dem Balkon, die Sonne versinkt zum Ende der ersten Halbzeit über Eppendorf, dem schönsten aller Hamburger Stadtteile. Aus den offenen Fenstern der Nachbarschaft die akustische Spielbegleitung: der abbrechende Aufschrei, das verzweifelte Stöhnen, der befreite Jubel!

Dann Abpfiff, lautes Rumoren allenthalben. Türen schlagen, Getrappel im Treppenhaus. Motoren werden angelassen. Wenig später die Hupen des Autokorsos, halb verschluckt von den Alleebäumen. Chinaböller. Und sogar ein paar Raketen, die am Nachthimmel zerplatzen. Das hatten wir 2006 noch nicht.

Dann Ruhe. Mitternacht. Nur noch das Rauschen der Baumkronen. Fußballdeutschland hat sich Schlafen gelegt. Träumt von Ballacks wildem Blick. Und unseren sanften Siegern.
 

Matthias Naß arbeitet als stellvertretender Chefredakteur für die ZEIT.

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