"Heißer Kartoffel!" sagte sie. "Du musst die Mund maken, wie wenn ein hot potato war drin!" Mrs. Thorne kam aus Amerika und brachte mir das Singen bei. Ich war 14.

"Come on, sweetheart. Do it like – Aaaaaaw." (Das muss man jetzt in amerikanischer Phonetik lesen.) "Und die Lippen sollen sein wie eine … ähm … Staubsauger." Sie zögerte bei dem Gedanken an Staubsaugerlippen und lenkte ein: "O.K., let’s say: wie ein Frosch."

So formte ich meinen Mundraum zur Tropfsteinhöhle, schürzte die Lippen und sang Tonleitern. Rauf und runter, in Dur, in Moll, in allen Wendungen, die sie auf dem Klavier vorspielte. Sie sprach von Kirchentonarten mit merkwürdigen Namen, und mir leuchtete ein: Wenn die Kirche ihre eigene Erklärung zur Entstehung der Welt hat, braucht sie wohl auch ihre eigenen Tonarten.

Was es mit Staubsaugerlippen und Kirchentonarten wirklich auf sich hatte, verstand ich erst einige Jahre später. Und die Fußball-EM 2008 erinnerte mich wieder daran.

Sportliche Großveranstaltungen werden meist von stumpfer Musik begleitet. Wer Fußball gucken will, muss leiden. Ich hatte mich also darauf eingestellt, dass in diesem Sommer aus jeder Kneipe, aus jedem Bäckerladen, aus jeder Pinkelecke grauenhafte EM-Lieder schallen würden. Die X- und Y-Promis der Unterhaltungsbranche würden den Äther hochvergnügt mit akustischem Müll verschmutzen: Shaggy, Christina Stürmer, Oliver Pocher, DJ Ötzi, Revolverheld, Rednex – alle, alle, alle hatten angedroht, König Fußball besingen zu wollen.

Sie taten es zwar und kamen doch nicht zu Gehör. Denn von den Stadien aus eroberte ein anderes, ein gutes Lied die Fußballwelt: Seven Nation Army von den White Stripes.

Jetzt ist mein Glauben an das ästhetische Empfinden der Fans wieder hergestellt. Auch technisch haben sie es drauf. Kartoffelhöhle, Froschmund – beim Singen machen sie alles richtig. Alkohol ist wohl der beste Stimmbildner. Kräftig und voll klingt der Ton Betrunkener.

Die Italiener intonieren das Lied auf Pooo-po-rooo-po-po-pooo-pooo, die Franzosen singen es als Baaa-ba-baa-ba-ba-baaa-baaa und die Deutschen, wie Mrs. Thorne es sich gewünscht hätte, auf Laaaw-law-laaw-law-law-laaaw-laaaw. (Sie kennen den Trick ja schon: amerikanische Phonetik!)

Die Fans haben sich nicht für eine gestanzte Textbotschaft entschieden, wie beispielsweise "Wir haben Fieber, bringt uns ins Heim". Sie mögen es schlicht, wirkungsvoll und universell verständlich – ein dreckiger Basslauf reicht.

"Ich find’s toll, dass Seven Nation Army gewonnen hat", sagt ein alter Band-Kollege zu mir, nach dem Halbfinale gegen die Türkei. Ich nutze die Gelegenheit, ein bisschen Fachgesimpel anzubringen: "Ja, weil die UEFA das Lied immer zum Einlauf der EM-Mannschaften spielt, sind die jetzt wieder in den Top 5 der Single-Charts! Obwohl die Platte schon fünf Jahre alt ist." "Krass", sagt der Freund, "aber haben wir das nicht schon während der WM gehört?"
"Zuerst hatten’s die Belgier 2003, dann haben sie es mitgenommen in die Champions League, da haben sie die Österreicher und Italiener infiziert. Und die Italiener haben es mit zur WM 2006 gebracht. Ist dir eigentlich mal aufgefallen, dass die Basslinie ziemlich besonders ist? Das ist eine phrygische Skala, eine mittelalterliche Kirchentonart", erkläre ich. "Nee, echt? Cool. Das muss einem erstmal jemand sagen." Er macht einen Froschmund und singt Laaaw-law-laaw-law-law-laaaw-laaaw.

Rabea Weihser arbeitet als Musikredakteurin für ZEIT online.

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