ZEIT ONLINE: Herr Professor Bofinger, der Preis für Rohöl springt erstmals über die 140-Dollar-Marke, die hohen Kosten für Energie schüren auf der ganzen Welt Inflationsängste. Sie mahnen zur Ruhe. Warum?

Peter Bofinger: Weil der Ölpreis in meinen Augen stark von Spekulation getrieben ist. Schaut man auf die fundamentalen Daten, hat sich auf den Märkten in den letzten Jahren erstaunlich wenig bewegt. Deshalb glaube ich, dass wir den Höhepunkt des Preisanstiegs erreicht haben. Die Weltkonjunktur kühlt sich ab, die weltweite Nachfrage nach Öl wird sinken, der Preis fallen.

ZEIT ONLINE:  Dennoch frisst die hohe Inflation in Deutschland  - im Juni wird sie bei 3,3 Prozent liegen - die Lohnzuwächse auf. Das schmälert die Kaufkraft und dämpft den privaten Konsum, der in diesem Jahr die Konjunktur stützen sollte.

Bofinger: Ja, die Konjunktur wird sich dadurch deutlich abkühlen. Der private Verbrauch wird - wider Erwarten - in diesem Jahr kaum eine Rolle spielen. Auch der Export und die Investitionen schwächen sich ab.

ZEIT ONLINE:  Wird der Sachverständigenrat seine Konjunkturprognose korrigieren müssen?

Bofinger: Dafür ist es noch zu früh. Ich gehe aber davon aus, dass wir in Deutschland am Ende des Jahres eine Wachstumsrate von Quartal zu Quartal nur knapp oberhalb der Stagnation – also kaum mehr als Nullwachstum – haben werden.

ZEIT ONLINE: Wie groß ist langfristig die Gefahr einer Stagflation, also einem Mix aus Nullwachstum und hoher Inflation?

Bofinger: Eher gering. Die Preissteigerungen der vergangenen Jahre gab es nämlich vor allem beim Öl und bei den Nahrungsmitteln. Zieht man die ab, liegt die Inflationsrate unter zwei Prozent. Für Deutschland kam als dritter Schock die Mehrwertsteuer hinzu. Letzteren haben wir langsam überwunden. Auch der Nahrungsmittelschock hat seinen Höhepunkt erreicht. Beim Öl wird es bald so weit sein.

ZEIT ONLINE: Dennoch steckt die Europäische Zentralbank angesichts steigender Energie- und Nahrungsmittelpreise in einer Zwickmühle: Senkt sie die Zinsen, riskiert sie mehr Inflation, erhöht sie diese, würgt sie das Wachstum ab.