Am Abend vor dem Wochenendtrip nach Amsterdam schnell noch zwei Hörbücher und ein paar Jazz-CDs auf den MP3-Player laden, einen Niederländisch-Kurs auf den Laptop spielen und das Gerät dann am Montag morgen im Coffeeshop benutzen, um gemütlich im neuen Spiegel zu blättern - wer ausreichend Geduld und Geld mitbringt, kann sich all das auf eigene Faust im Web zusammensuchen. Es geht aber auch einfacher. "Onleihe" heißt der kostenlose Zugang, den immer mehr Stadtbibliotheken zu elektronischen Medien anbieten, die im Internet nicht frei verfügbar sind.
Vorreiter ist die Public Library im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Als weltweit erste öffentliche Bibliothek hat sie schon 2005 begonnen, elektronische Bücher, sogenannte E-Books, Musik, Hörbücher und Videos als Download über das Internet zu verleihen. Seit einem Jahr gibt es das Angebot auch in Deutschland. 19 Bibliotheken zwischen Hamburg und München, Köln und Frankfurt/Oder sind inzwischen dabei, auch in der Schweiz hat das Zeitalter der Onleihe gerade begonnen.

92 Prozent der deutschen Haushalte, in denen Jugendliche aufwachsen, haben einen Internetanschluss. In die Bibliothek gehen aber nur vier Prozent aller Jugendlichen. Auch männliche Berufstätige über 30 sitzen oft vor dem Bildschirm, haben aber nur selten einen Leseausweis. Und immer mehr Senioren, denen der Weg in die Bücherei zu beschwerlich geworden ist, sind als "Silver Surfer" im Netz unterwegs. "Mit der Onleihe wollen wir die Google-Generation für die öffentlichen Bibliotheken zurückgewinnen", sagt Christian Hasiewitz, bibliothekarischer Direktor der Divibib.

Das Wiesbadener Unternehmen hat das elektronische Leihsystem entwickelt und ist für den zentralen Einkauf der Medien zuständig. 30.000 Inhalte hat die Divibib im Angebot, zwischen 3000 und 10.000 haben die beteiligten Bibliotheken ausgewählt. "Krimi-Hörbücher und Reisevideos laufen am besten", hat Sven Instinske festgestellt. Er ist in den Hamburger Bücherhallen, einer der größten öffentlichen Bibliotheken Deutschlands, für die Onleihe zuständig. Bei den E-Books sind vor allem Ratgeber für die berufliche Fortbildung gefragt, und unter den Zeitschriften ist der Spiegel mit Abstand am begehrtesten.

Wie sein gedrucktes Pendant ist das aktuelle Magazin allerdings am Anfang der Woche auch in elektronischer Form für die Bibliotheksnutzer nur schwer zu bekommen. Gerade einmal vier Exemplare stehen ganz Hamburg in der Onleihe zur Verfügung. Ist eines davon ausgeliehen, bleibt es bis zum Ablauf der 24-stündigen Leihfrist für alle anderen Nutzer gesperrt. Für E-Books, Musik und Videos beträgt die Leihfrist ein bis zwei Wochen.

Technisch wäre es kein Problem, uneingeschränkt viele Downloads zuzulassen. "Dann wäre aber kein Verlag bereit, uns eine Nutzungslizenz zu verkaufen", sagt Instinske, der außerdem sicherstellen muss, dass alle zur Onleihe angebotenen Videos, Audios und E-Books mit einem hackerfesten Kopierschutz versehen sind. Dazu dient das sogenannte Digital Rights Management (DRM), in dem auch die Leihfrist verschlüsselt gespeichert wird. Ist sie abgelaufen, bleibt die Datei zwar noch auf dem Computer des Nutzers, lässt sich aber nicht mehr öffnen.

"Weil wir das garantieren, verkaufen uns die Verlage ihre Medien zum normalen Ladenpreis", sagt Christian Hasiewitz von Divibib. Das elektronische Exemplar einer Zeitschrift oder eines Buchs belastet den Bibliotheksetat in gleicher Höhe wie ein gedrucktes. Damit werden die öffentlichen Bibliotheken besser behandelt als Videotheken, die für das Verleihrecht den zehnfachen Preis zahlen müssen.

Noch ist die Onleihe ein Nischenangebot. 8600 Mal wurde sie in den ersten sechs Monaten in Hamburg genutzt - gegenüber fünf Millionen klassischen Ausleihen. Über 97 Prozent ihrer Anschaffungsetats geben die Bibliotheken weiterhin für klassische Medien aus. Doch in einigen Fällen entscheidet sich Frauke Untied, die als Lektorin in den Hamburger Bücherhallen für den Einkauf zuständig ist, bereits ausschließlich für die elektronische Version. "Meistens sind das dünne Broschüren, die sich am Bildschirm gut lesen lassen, im Regal aber untergehen würden."

In Zukunft werden wahrscheinlich auch Lernprogramme für den Computer dazukommen. Wie bei Musikstücken für den MP3-Player ist der Download hier besonders praktisch. Christian Hasiewitz führt gerade Lizenz-Verhandlungen mit den Software-Verlagen. Und seit die Medien aus den Onleihe-Katalogen auch in den Trefferlisten der Suchmaschinen auftauchen, rechnet der Divibib-Direktor mit deutlich wachsenden Nutzerzahlen. "Nur wenn etwas bei Google steht, nehmen viele Internetnutzer es überhaupt wahr."

Wer das angebotene E-Book dann per Mausklick öffnen will, wird zunächst enttäuscht. Ohne den Leseausweis einer Bibliothek ist die Onleihe nicht möglich. Und selbst wenn man einen hat, das gewünschte Medium aber nur von der Bücherei einer anderen Stadt angeboten wird, bleibt das Angebot unerreichbar. Eine Fernleihe, über die man im realen Leben Bücher aus den Regalen anderer Bibliotheken bestellen kann, ist für elektronische Medien nicht vorgesehen. Pech haben bisher auch alle Interessenten, die die Onleihe aus dem Ausland nutzen möchten. Voraussetzung ist der Leseausweis einer deutschen Bibliothek. Wer den haben will, muss mindestens einmal persönlich vorbeischauen und seinen Personalausweis zeigen.

Und alle, die Musik am liebsten mit dem iPod hören, müssen ebenfalls auf MP3-Nachschub aus der Onleihe verzichten. Elektronische Zeitschriften und Bücher werden als PDF-Datei heruntergeladen und können auf dem iPod geöffnet werden, nicht aber die elektronischen Musik- und Videoangebote. "Das liegt nicht daran, dass wir zu blöd wären, eine passende Software zu programmieren", versichert Hasiewitz, "aber Apple nutzt für den iPod sein eigenes DRM-System - und stellt uns den Schlüssel nicht zur Verfügung."