Weißer Vollbart, wettergegerbtes Gesicht: Der Kapitän im Raum ist schnell ausgemacht. Lässig steht Stefan Schmidt am Fenster. Zwei neunte Klassen eines Hamburger Gymnasiums haben es sich in den Stuhlreihen bequem gemacht und sollen erklären, was für sie eine Festung ist. "Man kommt schlecht rein", sagt einer, "drinnen ist es sicher", ein anderer. "Mittelalter", ruft noch jemand. Schmidt freut sich, denn sein Thema sind die Außengrenzen der EU: Er will den Schülern von seiner letzten großen Fahrt als Kapitän erzählen: Schmidt war unterwegs mit dem Hilfsschiff Cap Anamur der gleichnamigen Hilfsorganisation. Vor vier Jahren war die Cap Anamur in die Schlagzeilen geraten, weil sie afrikanische Bootsflüchtlinge aufgenommen hatte. Nach drei Wochen erhielt das Schiff endlich die Erlaubnis, in einem italienischen Hafen einzulaufen. Kapitän Schmidt, der 1. Offizier und Organisator wurden wegen Beihilfe zur illegalen Einreise festgenommen.

Organisiert hat dieses Treffen die "Open School 21", eine Nicht-Regierungs-Organisation, die mit einem vielseitigen Programm mit über 30 Angeboten Schulklassen in und um Hamburg globale Realitäten näher bringen will. Ein Stadtrundgang folgt beispielsweise den internationalen Spuren unseres alltäglichen Konsums, ein Workshop über Straßenkinder verdeutlicht, unter welchen Bedingungen andere Jugendliche leben. Auch die Flüchtlingsdramen an den EU-Außengrenzen gehören dazu. Menschen wie Stefan Schmidt sucht sich die Organisation ganz bewusst aus. Die Referenten sollen aus der Praxis kommen, erklärt Programmkoordinatorin Liz Kistner. Und noch etwas mache den Kapitän für die Schüler besonders greifbar: "Er war einfach ein ganz normaler Kapitän und wurde erst durch die Geschichte mit der Kap Anamur ein politisch denkender Mensch."

Als keinem der Schüler die Cap Anamur ein Begriff ist, sagt Schmidt deshalb einfach: "Macht nichts". Der Kapitän nimmt sie mit auf die Reise, die im Frühling 2004 in Lübeck begann und über Afrika nach Italien führte. Er erzählt von der gespendeten Ausstattung, von technischen Finessen des Schiffs, von der internationalen Crew und untermalt seine Geschichte mit Ausschnitten aus einem Film. Fast geht ihm sein Publikum zwischen technischen Details und komplizierten Hintergrundinfos zu Bürgerkriegen und Schifffahrtsrechten verloren. Doch dann zeigt der Film ein mit 37 Menschen vollbesetztes Schlauchboot, das in den Wellen schaukelt wie eine Nussschale. Über Strickleitern gelangen die Bootsflüchtlinge auf die Cap Anamur. Gerade wurde noch getuschelt, jetzt sind die Schüler still. Der Kapitän beschreibt, wie der angesteuerte Hafen ihnen die Einfahrt verbietet, erzählt von seiner Verhaftung und von dem Schicksal der Flüchtlinge, die umgehend abgeschoben wurden.

Schülern die Augen für globale Missstände und Ungerechtigkeiten öffnen: Der Ansatz der Open School macht Schule. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat für die Jahre 2005 bis 2014 die Weltdekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" ausgerufen und die Open School als offizielles Projekt der Dekade ausgezeichnet. Denn nachhaltiges Handeln muss man lernen, es erfordert ein Umdenken der Bevölkerung. Bildung ist der Schlüssel dazu. Auch für jeden Einzelnen ist der Blick über den eigenen Tellerrand von großer Wichtigkeit, "damit wir uns in unserer komplexen Welt zurechtfinden können, und in den Begegnungen – ob virtuell oder reell – bestehen können", sagt Hannes Siege. Er ist Co-Autor des 2007 von der Kultusministerkonferenz (KMK) verabschiedeten "Orientierungsrahmen für den Lernbereich globale Entwicklung", der die Umsetzung der UN-Ziele an den Schulen in Deutschland erleichtern soll.

Im Vortragsraum der Open School verarbeiten derweil die Schüler den Einblick, den Schmidt ihnen ermöglicht hat. Einige wollen mehr über das Schicksal der Flüchtlinge wissen. Eine Diskussion um die Lösung des Problems bleibt jedoch aus. "Interessant" sei es, sagt Katharina, dass Schmidt "hilft, ohne Geld dafür zu bekommen." Auch Jannik findet den Kapitän bewundernswert. Selbst so etwas zu machen, sei jedoch "nicht ganz mein Ding." Und Sergio, der von der Flüchtlingsproblematik schon einmal in Teneriffa erfahren hat – "da war der ganze Hafen voller Flüchtlinge" – bleibt ebenfalls vage: "Irgendjemand muss sie ja retten." Die begleitende Lehrerin, Kerstin Wormuth, ist trotzdem davon überzeugt, dass das Treffen mit Schmidt Spuren hinterlassen wird: "Die Schüler haben die persönliche Betroffenheit des Kapitäns bemerkt. Das hat sie zutiefst berührt."

Auf diesen Aha-Effekt ist das Konzept der Open School ausgelegt, sagt Liz Kistner. "Die Referenten mit ihren unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen sind das Herzstück der Open School". Fast 50.000 Schülerinnen und Schüler haben seit 1996 an den Veranstaltungen der Open School teilgenommen. Und es dürften noch mehr werden, sollte der Lernbereich globale Entwicklung seinen festen Platz in den Hamburger Lehrplänen erhalten. Denn Experten wie Hannes Siege halten es für wesentlich, den Schulunterricht durch außerschulische Fachkräfte wie die Open School 21 zu ergänzen.