Der zweite Tag nach einer langen Nacht ist immer der schwerste. Fritz und ich, wir fühlen uns heute Morgen immer noch so, als hätten wir selbst gewonnen. Aber auch: als hätten wir selbst gespielt. Ich überlege, ob wir nicht Oliver Schmidtlein, den Fitnesstrainer der deutschen Mannschaft anrufen und ihn fragen, wie man sich am zweiten Tag nach einem so schweren Spiel optimal ernährt und bewegt.

Bei der Gelegenheit könnte ich mit ihm auch über das gestrige Spiel zwischen Spanien und Russland reden, nur mal rein physiologisch. Denn da haben Fritz und ich uns vor dem Fernseher sehr gewundert, wieso die Russen nicht mehr laufen konnten. Hat man ihnen a) etwas in die Suppe getan oder b) etwas nicht mehr in die Suppe getan? Insbesondere beim verschlagenen Wunderkind Arshawin fragte man sich ja schon länger, wieso er so viel laufen kann und das noch so schnell. Oder auch, warum alle vom Trainerfuchs Hidink betreuten Nationalteams (Russland, Australien, Südkorea) so unglaublich laufstark waren – jedenfalls bis gestern Abend um 20 Uhr 45.

Kurzum: Ich habe mit meinem Sohn – er ist jetzt alt genug dafür – erstmals über Doping gesprochen, Doping im Fußball. Ja, mein Sohn, das gibt es. Keiner weiß, wie oft und wie viel, vor allem deswegen, weil all die Jahre zu wenig getestet wurde, aber es passiert. Der Satz, mit dem wir Fußballfans uns all die Jahre beruhigt haben, lautet: Im Fußball bringt Doping nichts. Aber das wäre schon ein großes Wunder, wenn der medizinische Fortschritt nicht auch hier längst neue Möglichkeiten geschaffen hätte. Fritz hört sich das alles an, möchte es nicht glauben und nicht bestreiten, besonders betroffen wirkt er nicht. Ich glaube, Doping ist außerhalb seiner Vorstellungswelt.

Etwas anderes beunruhigt Fritz viel mehr als der seltsame Einbruch der Russen und die leidige Doping-Frage. Nämlich dass die Spanier einen ausgesprochen ungedopten Eindruck machten, dafür jedoch einen ungeheuer gefährlichen. Wie sie da kombinierten und zauberten, das war mit Blick auf den kommenden Sonntag schon etwas einschüchternd und verwirrend. So verwirrend, dass der deutsche Kommentator irgendwann ausrief: "Die Spanier haben das Sieger-Gen!"

Die Spanier? Das Sieger-Gen? Dazu möchte ich zweierlei anmerken. Erstens: In welcher Welt leben wir eigentlich, dass die Spanier, die im letzten halben Jahrhundert üblicherweise nur Vorrunden-Welt- und Europameister waren, nun plötzlich ein Sieger-Gen haben sollen? Zweitens: Wenn die Spanier tatsächlich das Sieger-Gen haben sollten, dann haben sie es geklaut – und zwar von uns.

Da wir, also wir Deutschen allesamt, das Sieger-Gen ausweislich unseres Halbfinal-Siegs gegen die Türkei selbst auch immer noch haben, kann es sich bei dem Sieger-Gen der Spanier nur um eine billige Kopie handeln. Am Sonntag spielt also Original gegen Kopie. Und niemand weiß, wie das ausgeht, schon gar nicht in der Generation Fritz, die mit Cover-Versionen und Plagiaten in der Musik und im Film und bei den Trikots sozusagen aufwachsen. Doch zu Sonntag morgen mehr.

Eines muss hier noch angemerkt werden, es geht um eine Bemerkung der Sport-Reporter von der Süddeutschen Zeitung, die uns ein wenig verletzt hat. In der Einzelkritik wurde Arne Friedrich kürzlich zwar für seine Leistung gelobt, allerdings mit der Einschränkung, er habe ein großes sportliches Problem, er spiele für Hertha BSC. So, so, seeehr witzig, liebe Kollegen. Fritz spielt in der nächsten Woche erstmals für Hertha BSC. Ich fürchte, wir werden unser Abo kündigen müssen.