Was soll das Drumrumgerede, gehen wir gleich ins Zentrum der Angst, sprechen wir es aus, das Wort, das über diesem Finale dräut: N-I-E-D-E-R-L-A-G-E, NIEDERLAGE, Niederlage. Geht doch, je öfter man es schreibt, desto leichter fällt es einem. Was übrigens bei dem gegenteiligen Begriff ganz anders ist: Sieg, SIEG, S-I-E-G, das wird von Mal zu Mal hässlicher. Und im Stadion, skandiert von Tausenden Stimmen, das geht eigentlich gar nicht. Wenn dieser Schlachtruf ertönt, zucke ich immer leicht zusammen. Der letzte Rest von dunkler Geschichte, der vom Fußball nicht wegsozialisiert und verpoppt wurde und der noch stählern in den Ohren hallt.

Reden wir also über die Möglichkeit einer Niederlage. Sind Niederlagen schlimm, Fritz? – Ja, schon, aber kommt drauf an. – Worauf? – Gegen wen man verliert. Also zum Beispiel, wenn der SC Charlottenburg gegen Lübars verliert oder Deutschland gegen Andorra, das geht gar nicht, einfach peinlich. – Und was empfindest du dann? – Wut. – Und gegen stärkere Gegner? – Das, sagt Fritz, ist nicht so schlimm, also zum Beispiel gegen BFC Preußen oder gegen Holland. – Nicht schlimm? – Naja, auch schlimm, aber nicht so. – Und was ist wichtiger, gut spielen oder gewinnen? – Gewinnen! – Heißt das, du willst, dass Deutschland gewinnt, auch wenn Spanien besser ist? – Wenn Deutschland gewinnt, dann waren wir eben besser. – Aber manchmal gewinnt doch auch der Schlechtere, oder? – Schon, aber Deutschland ist ja besser als Spanien.

Ich sage: Das meinst du jetzt nicht Ernst, oder? Fritz grinst und meint: Ganz im Ernst, wenn bei uns alle in Bestform sind und bei Spanien auch, dann sind wir besser. – Und morgen werden sie besser sein, unsere schwankenden Gestalten? – Ja, sagt Fritz. – Wie geht es aus? – Drei oder vier zu eins. – Für uns!? Das meinst du nicht wirklich, mein Sohn, oder!? – Klar, wirst es sehen, Papa, was tippst denn du? – Ich tippe zwei zu null für Spanien. – Pessimist!

Ja, da hat er völlig Recht, ich glaube nicht an den Sieg. Wünsche ihn mir aber sehr, weniger für mich selbst. Ich bin auch so ganz zufrieden, weil die Agenda 2010 des deutschen Fußballs weitergeht, weil Löw bleibt und weil Löw dazu gelernt hat, weil die Mannschaft zumindest einmal gezeigt hat, dass sie richtig guten Fußball spielen kann. Und weil ich schon fünf Titel miterlebt habe, dreimal bei der EM, zweimal bei der WM. Aber Fritz ist erst elf, und da der letzte Titel bereits zwölf Jahre zurückliegt, muss man sagen: Zu seinen Lebzeiten, zu den Lebzeiten aller 2. D-Jugend-Spieler Deutschlands, sowie der E-Jugend, der F-Jugend und aller Minis hatte kein deutscher Senioren-Kapitän mehr seine Hand an einem Pokal. Darum muss endlich wieder ein Titel her.

Diese deutsche Mannschaft kann von fast jedem geschlagen werden und ausnahmslos jeden schlagen, das hängt ganz von der Tagesform ab und von der Einstellung. Wie die ist, das werden wir heute Abend schon um 20 Uhr 50 wissen. Übrigens hat Fritz beim Tippen der deutschen Spiele jedes Mal gegen mich gewonnen. Niederlagen, das muss ich sagen, können auch schön sein, jedenfalls diese.

Fritz, der Sohn unseres EM-Reporters Bernd Ulrich, bekommt jeden Morgen einen Anruf aus dem EM-Lager der deutschen Elf – die Vater-Sohn-Kolumne zur Fußball-EM.