Lucy und Mira, beide knapp 20 Jahre alt und ausgewiesene Meisterinnen ihres Fachs reagieren auf jede Nuance in der Stimme ihres Herrn auf dem Kutschbock. Viel mehr noch als auf das Regiment der langen Zügel, die Rudi Allmer in seinen schwarzen Lederhandschuhen hält. Die Peitsche benutzt er nur, um die Rücken der beiden dunkelbraunen Gelderländer zu streicheln. "Was ich für brave Pferde hab!", hebt die Stimme des livrierten Kutschers immer wieder an.

Die beiden Warmblüter nehmen es zufrieden zur Kenntnis. Ihre gute Ausbildung und lange Erfahrung sind viel wert, besonders auf diesem von Felstrümmern übersäten Saumpfad, der steil hinunterführt in die weitgehend unberührte Feistritz-Klamm in der oststeirischen Gemeinde Stubenberg am See im Südosten Österreichs.

Der Karrenweg ist der einzige Zugang in diese tiefe, keine 50 Kilometer von der Landeshauptstadt Graz entfernte Waldschlucht, die der Fluss in Jahrtausenden in einen gewaltigen Gneis- und Granitbuckel geschnitten hat. 1634 haben die Grafen von Herberstein damit begonnen, auf der Sohle und an den Hängen der Klamm heimische und exotische Tiere zu halten, Rot- und Damwild, Wisente und alles, was der barocken Sammelleidenschaft eines damals auch überregional bedeutenden Adelsgeschlechts in den Sinn kam. Die Herbersteiner schufen so rund um ihr Schloss einen der ersten Wildparks Europas - heute ist der Tierpark Herberstein ein beliebtes Ausflugsziel.

Während andere Geschlechter ihre Burgen auf Hügeln und Bergen platzierten, versteckten die aus dem Bauernstand aufgestiegenen Ministerialen ihren Burgfried in der tiefen Feistritz-Schlucht auf einem langen, schmalen, vom Fluss bedrängten Felsen. Diese so gar nicht feudale Lage unter dem Baldachin des Urwalds hatte den Vorteil, dass die Burg zweimal von türkischen Invasoren übersehen wurde, während die umliegenden Herrschaftssitze zerstört wurden.

1945 hatte es mit dem Versteckspiel ein Ende, als ein Trupp Rotarmisten am Schlosstor Einlass begehrte. Doch ein Portätbild von Siegmund Freiherr von Herberstein mit der Bildunterschrift "Moskovitia" rettete den Stammsitz der Familie: Der 1486 geborene Adlige hatte seinerzeit nach zwei Russland-Reisen die erste fundierte Landeskunde des Zarenreichs - die Moskovitia - veröffentlicht. Der kommandierende Offizier des sowjetischen Trupps war im Zivilberuf Geograf und zollte Herbersteins Werk Respekt, indem er seine Soldaten vom Schloss zurückzog.