Man sagt das mitunter so leichthin: Ein Mann geht über Leichen. Aber im Falle von Roger Kusch, dem vormaligen Hamburger Justizsenator, gilt dieser Satz nicht nur bildlich, sondern inzwischen sogar wortwörtlich. Kusch braucht offenbar Leichen und geht über sie hinweg, um sich dadurch wichtig zu machen.

Wenn die alte Dame, der er ein Gift zugeliefert hat, damit sie sich selbst umbringen konnte, "wenigstens" an einer schweren, unerträglich schmerzhaften, aussichtslosen Krankheit gelitten hätte und dem Tode nahe gewesen wäre: Auch dann hätte man noch genügend moralische Dilemmata und Skrupel gefunden, aber man hätte doch möglicherweise leise darüber nachgedacht, ob man in einer solchen Situation selbst um jeden Preis würde weiterleben wollen.

Aber die inzwischen tote Rentnerin war offenbar körperlich und geistig gesund und brauchte im Grunde gar keinen Roger Kusch, um Suizid zu begehen. Sie hätte wohl eher einen oder mehrere Menschen gebraucht, die ihr die Angst vor einem Umzug ins Alters- oder Pflegeheim hätten nehmen können, vielleicht sogar ihr hätten helfen können, diesen noch gar nicht unmittelbar bevorstehenden Umzug zu vermeiden.

Doch Roland Kusch will Menschen nicht beim Leben helfen, sondern beim Sterben – obwohl sie noch gar nicht sterben und deshalb dazu auch gar keine Hilfe brauchen. Würde Kusch Lebenshilfe leisten, wäre er nur einer unter vielen anderen sozial verantwortlichen Frauen und Männern. Nur wenn er "Sterbehilfe" leistet, kann er auf die gierig angestrebte Prominenz  hoffen.

Um die geht es ihm, nicht um die alte Dame. Die war ihm nur das, was anderswo Kanonenfutter genannt wird.

Aber der Mann ist nicht nur skrupellos, sondern auch noch verlogen. Denn einerseits will er die Öffentlichkeit glauben machen, er habe aktive Sterbehilfe geleistet, um damit ein angeblich unseliges Tabu aufzubrechen. Andererseits brüstet er sich schlau – ganz Staatsanwalt, der er einmal war –, dass er streng darauf geachtet hat, wie er vermeiden kann, mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. Also verschaffte er der alten Dame zwar das Gift, stellte auch tüchtig eine Videokamera auf, damit die heutigen Staatsanwälte sehen, dass alles seinen ordentlichen Gang ging (straffreier Suizid, sonst nichts), verschwand dann und kam erst nach Stunden wieder – um seine Kamera zu holen; und das Video, damit er es öffentlich präsentieren konnte.