Ob auf der Straße, in Clubs, Konzerthallen oder in Studios: Sie waren unangepasst und aufrührerisch, die musikalischen Inszenierungen der sechziger Jahre. Oder doch nicht? Wer auf YouTube die zahllosen Aufzeichnungen der Helden jener Ära studiert, muss bisweilen einsehen: Die Sixties waren halb so wild, wie man sich erzählt. Die Protagonisten des frühen Beat, Psychedelic und Rock benahmen sich vor den Fernsehkameras recht angepasst.

The Electric Prunes haben beeindruckende Platten veröffentlicht und lassen den Hörer fabelhafte Traumbilder halluzinieren. Von flimmernden Zimmerufos und schiefen Bewusstseinsebenen künden die Klänge, die direkt aus einem Paralleluniversum heranzurauschen scheinen. Ihre Präsentation in einer amerikanischen TV-Sendung aber vermittelt banalere Wirklichkeiten.

Der Moderator unterhält sich zunächst mit dem Publikum über das feuilletonistische Thema: "Was macht ihr nur alle mit diesen Autogrammen? Wohin lasst ihr sie verschwinden?" Darauf antwortet die Band mit ihrem Hit von 1966 I had too much to dream (last night). Der Sänger James Lowe posiert mit einer kleinen Autoharp vor dem Mikrofon, der Bassist Mark Tulin verschwindet in einem überdimensionierten weißen Rollkragenpullover. Die ganze Kulisse wirkt so psychedelisch wie die von Was bin ich? mit Robert Lembke: ein wildes Grau schillert auf der Bühne.

Die Bildsprache des Auftrittsorts zerstört die Welt, von der die Musik erzählt. Der Lufthauch der Revolte gegen allzu bekannte Hör-, Denk- und Wahrnehmungsmuster verpufft in dem kleinen Zeitfenster einer tumben Fernsehshow.

Vanilla Fudge sind bekannt dafür, dass sie ihre Version von You keep me hanging on gewaltig zerdehnen. Während eines Fernsehauftritts zuckt der Bassist Tim Bogert in seltsamen, trapezförmigen Bewegungen. Gesten, die später im New Wave gern rezitiert wurden. Vier bizarre Tänzerinnen sind anfangs sichtlich überfordert, den sich langsam empororgelnden Lust-Soul in Bewegungen zu übersetzen: Harakiri-Dance. Groovy ist etwas anderes. Das alles sieht so überzogen aus, als sei es eine Parodie. War es wohl auch. Dabei ist das Stück ein großartiges Beispiel für eine weiße Spielart des Soul.

Oder nehmen wir The Doors: Jim Morrison, erstaunlich schwungvoll frisiert, steht neben einer Abteilung von Streichern und einem mehr als zehnköpfigen Bläserensemble vor der Band. Die Streicher sind sehr alt, die Blechabteilung wirkt wie aus der Verkäuferriege von Peek & Cloppenburg gecastet. Steif, unbeweglich, distanziert. Nur damit Morrison sein Touch Me loswerden kann? Beeindruckendes Setting, faszinierende Kontrastwirkungen. In Farbe. Aber was ist das? Der Gitarrist Robby Krieger scheint sich ein Veilchen am linken Auge eingefangen zu haben. Das entkrampft die bedenkliche Kulisse flugs. Nein, es müssen doch wilde Zeiten gewesen sein ...