ZEIT ONLINE: Herr Amendt, in Ihrem Buch zitieren Sie Ronald Steckel, der in der Neuauflage seines Klassikers Bewusstseinserweiternde Drogen von LSD als einem "alchemistischen gesellschaftlichen Massaker" sprach. Ist das Gräuel-Propaganda?

Amendt: Der Erfinder Albert Hofmann betonte stets, dass es seines Wissens nicht einen dokumentierten Todesfall als direkte und unmittelbare Folge von LSD gibt. Das mag so sein. Todesfälle, bei denen LSD in Kombination mit anderen Substanzen im Spiel war, sind aber bekannt. Auch soll es bei den Versuchen der US-Army und der CIA, die nach heutiger UN-Definition als Folter zu bewerten sind, Todesfälle gegeben haben. Das "alchemistische Massaker", von dem Steckel etwas pathetisch spricht, bezieht sich weniger auf Todesfälle als auf irreversible psychische Defekte als Folge eines oft maßlosen Gebrauchs. In der Haight Ashbury, dem alten Hippiezentrum von San Francisco, und in Berkeley, in Goa und auf Ibiza trifft man, wie an vielen anderen Aussteiger-Spots, eine Menge Leute, die auf LSD und anderen Trips hängen geblieben sind. Und natürlich auch in psychiatrischen Einrichtungen auf der ganzen Welt.

ZEIT ONLINE: Gibt es Erhebungen oder Schätzungen über die Zahl der Opfer?

Amendt: Solche Zahlen und solche Erhebungen gibt es nicht. Die Gräuel-Propaganda hat ihre Spuren im kollektiven Bewusstsein hinterlassen. Ich kann nur meine persönliche Einschätzung mitteilen: Ich gehe davon aus, dass die Zahl der Opfer sehr viel geringer ist, als Teile der Fachöffentlichkeit gewöhnlich unterstellen. Eine konkrete Zahl ist nicht ermittelbar.

ZEIT ONLINE: Wie gefährlich ist LSD dann?

Amendt: Auch ohne psychopathologische Nachwirkungen ist das Erlebnis eines LSD-Trips so tiefgreifend und oft erschütternd, dass man vor diesem Risiko warnen muss. Eine LSD-Erfahrung kann, wenn auch nur vorübergehend, einen Menschen aus der Bahn werfen. Diesem Risiko ist nur zu begegnen, indem man die Verantwortung gegenüber sich selbst trägt. Deshalb müssen die Risiken, soweit sie bekannt sind, klar benannt werden. Das jedenfalls war meine Maxime während des Schreibens.

ZEIT ONLINE: Sie heben die besondere Rolle des "Trip Guide" hervor, der die Qualität der Reise maßgeblich beeinflusse. Was muss der können?

Amendt: Der "Trip Guide" sollte erfahren sein und möglichst nüchtern während des Tripverlaufs. Er übernimmt im Idealfall die Rolle eines Zeremonienmeisters und des Sicherheitsbeauftragten. Er sollte aufgrund seiner Erfahrung in der Lage sein, nüchtern mitzusurfen auf einem Trip, und eingreifen können, wenn der Trip zu krass wird und Horrorsymptome erkennbar werden. Im Falle eines Horrortrips empfehlen Mediziner Diazepam (Valium) intravenös. CIA und US-Army sollen damit bevorzugt gearbeitet haben, wenn eine ihrer Versuchspersonen abzudrehen drohte. Wer weiß, was so ein Trip ist, wird allein schon bei dem Gedanken an ein Spritzbesteck an Horror denken. Schon deshalb, aber auch aus "naturphilosophischen" Gründen lehnten es die Hippies ab, einem Horror-Trip pharmakologisch zu begegnen.

ZEIT ONLINE: Und was hat es mit dem "Herunterreden" auf sich?