Die Hochschullehre steht in der Kritik. Wie kann sie verbessert werden? Ein Interview mit Kärin Nickelsen, die den wissenschaftlichen Nachwuchs fördert

ZEIT ONLINE: Der Wissenschaftsrat hat harsche Kritik an der Qualität der Lehre an deutschen Hochschulen geübt – wie berechtigt ist diese Kritik?

Kärin Nickelsen: In weiten Bereichen sehr berechtigt. Zudem fallen die Empfehlungen des Wissenschaftsrats sehr differenziert aus und heben sich positiv ab von der gängigen pauschalen Professorenschelte. Zwar gibt es deutliche Worte, aber beispielsweise wird auch erklärt, warum die Lehre an den Universitäten stärker als Last wahrgenommen wird als an Fachhochschulen.

ZEIT ONLINE: Warum ist das so?

Nickelsen: An den Unis ist die Spannung zwischen Forschung und Lehre stärker ausgeprägt. Auch wächst die Belastung der Lehrenden, zum Beispiel durch Gutachten, Anforderungen aus der Politik und immer mehr bürokratischen Aufwand. Es gibt zahlreiche Positivbeispiele für gute Lehre, wie wir in dem Positionspapier der Jungen Akademie zur Zukunft der Lehre betonen, allerdings werden diese weniger stark wahrgenommen als die Skandale. Trotzdem kann vieles besser gemacht werden. Dass über die Qualität der Lehre diskutiert wird, ist in jedem Fall zu begrüßen.

ZEIT ONLINE: Der Wissenschaftsrat fordert eine neue Lehrkultur und gar ein neues Berufsverständnis von den Professoren – eine notwendige oder übertriebene Forderung?

Nickelsen: Diese Forderung zielt ja besonders auf die Reputation der Lehre. In dem Papier kritisiert der Wissenschaftsrat, dass die Universitäten ein in erster Linie forschungsorientiertes Selbstverständnis haben. Das ist sicher richtig. Forschungsleistung zählt mehr als Lehrqualifikation, sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch in der Wahrnehmung von außen. Auf der anderen Seite betont der Wissenschaftsrat kaum, dass dieses Selbstverständnis durch die bestehenden Evaluationsinstrumente stark gefördert wird.

ZEIT ONLINE: In denen Leistungen in der Lehre eine untergeordnete Rolle spielen.

Nickelsen: Diese werden allenfalls über Absolvierendenzahlen abgefragt, die alles andere als aussagekräftig sind. Es ist schon etwas seltsam, dass ein und dasselbe Gremium jetzt die Stärkung der Lehre fordert, während es auf der anderen Seite ein Forschungsrating vorantreibt, in dem die Lehrleistung zum Beispiel als forschungslimitierender Faktor an Universitäten nicht einmal Erwähnung findet. Bisher existiert eine Pilotstudie zu Chemie und Soziologie, finanziert vom Wissenschaftsrat; dieses Verfahren soll aber ausgeweitet werden. Wenn ein universitäres Institut seine Lehrverpflichtung ernst nimmt, wird die Forschung mindestens quantitativ immer gegenüber lehrfernen Institutionen abfallen; aber Leistung ist doch immerhin noch Arbeit pro verfügbarer Zeit.