Ich ging zur Grundschule, als alle verrückt waren nach Harry Potter. Damals hatte ich noch ungefärbte braune Haare und nicht rote, wie heute. Alle meinten, von hinten sehe ich aus wie Hermine, die Freundin von Harry Potter. Darauf war ich unglaublich stolz. In einer Nacht habe ich dann geträumt, dass ich im Flugzeug sitze, einen Stapel Arbeitsblätter vor mir, und gerade zum Set der Buchverfilmung fliege. Das war ein prophetischer Traum, denn diesen Moment habe ich später wirklich erlebt, als ich zum Dreh der Roten Zora geflogen bin. Der Traum ist Wirklichkeit geworden.

Für meine erste Rolle in einem Kurzfilm wurde ich auf einem Flohmarkt in Berlin angesprochen: Ich war 13, hatte meine Kopfhörer auf und wollte mein Kinderfahrrad verkaufen. Irgendwann wollte mich jemand wegjagen, weil ich keinen Stand gemietet hatte. Ich habe dann auf Dummchen gemacht: "Ach, ich muss bezahlen? Mensch, das wusste ich nicht!" Plötzlich sprach mich eine Frau an, ihr hatte meine Schauspielerei gefallen. Dann las ich ihr Drehbuch.

Im Film sollte ich ein Mädchen spielen, das von seinem Vater vergewaltigt wird. Diese Szenen wurden nur angedeutet, aber ich musste mich in die Situation hineinversetzen und vor der Kamera weinen. Dieses Erlebnis nimmt man nach dem Dreh mit, das bleibt. Doch das ist es, was mich an dem Beruf reizt: Man bringt in eine Rolle von sich selbst etwas ein, nimmt danach aber immer eine Eigenschaft mit.

Nach der Roten Zora war ich viel mutiger, als ich es vorher war, denn die Zora zieht mit ihrer Bande herum und traut sich was, ohne lange darüber zu grübeln. Man muss nur aufpassen, dass sich diese zwei Welten nicht vermischen. Zur gleichen Zeit, wie ich meine erste Rolle spielte, lernte ich auch Einradfahren. Ich finde, dafür gelten die gleichen Regeln wie für eine Schauspielerin: Man muss die Balance halten. Am Anfang ist es noch ziemlich wacklig, aber irgendwann kommt man schon in Fahrt. Man muss es nur immer wieder versuchen, auch wenn man hinfällt.

Aufgezeichnet von Svenja Kleinschmidt

"Die rote Zora", Anführerin einer Band von Waisenkindern, ist eine legendäre Kinderbuch-Heldin. In der Verfilmung von Peter Kahane spielte Linn-Sara Reusse an der Seite von Mario Adorf und Ben Becker. Der Film kam im Januar 2008 in die deutschen Kinos.