"Letztes Jahr wurde mein Cousin erstochen. Ich gehe seitdem nicht mehr ohne mein Messer aus dem Haus. Sonst bin ich der Nächste", sagte der 14-jährige Tyrell aus Ost-London mit fester Stimme in der riesigen City Hall. Betroffenheit machte sich breit im Saal. Denn 17 Teenagermorde erschütterten in diesem Jahr bereits die Stadt, der letzte erst vergangene Woche: Ben Kinsella, der 16-jährige Bruder eines britischen TV-Stars, starb im Krankenhaus, nachdem er auf offener Straße niedergestochen worden war. Die Eltern gelähmt vor Schmerz, die Geschwister in Tränen, Hunderte, die auf den Straßen ein Ende der Gewalt fordern – wie schon so oft. Erst Tage zuvor waren Jimmy Mizen und  Rob Knox, der sein Schauspieldebüt im neuen Harry Potter-Film gegeben hatte, beigesetzt worden. Die niedergestochene 15-jährige Arseme Darwit fand ihre letzte Ruhe in Eritrea, der Heimat ihrer Familie.

Die Zahl minderjähriger Opfer ist seit 2005 in London um ein Dreifaches gestiegen, ebenso wie die der minderjährigen Täter. "Londons Jugend bringt sich selbst um", titelte dazu der Evening Standard . Londons neuer Bürgermeister Boris Johnson hat den Kampf gegen die "Epidemie", wie er die Messerattacken nennt, zu seiner Priorität gemacht. Tyrell verspricht er: "Ich arbeite Tag und Nacht, damit London sicher für alle wird." 

Johnson will die Ausbildungschancen für Jugendliche durch Förderprogramme und Beratungsstellen verbessern. Er wirbt für kostenlose Sporteinrichtungen, zum Beispiel für Boxakademien, wo die Jungen Aggressionen abbauen können.

Er will den jugendlichen Gewalttätern allerdings zuallererst mit Härte begegnen: "Wir müssen demonstrieren, dass das völlig inakzeptabel ist." Seit seinem Amtsantritt im Mai patrouillieren knapp doppelt so viele Polizisten in der Stadt, 250 Metalldetektoren sind an Plätzen, Schulen und Clubs im Einsatz. Die Beamten tragen Hand-Detektoren bei sich, mit denen sie Passanten "scannen". Das Ergebnis der 1 Million Pfund teuren "Operation Blunt": In nur zwei Wochen hatte die Polizei insgesamt 4277 Menschen durchsucht, 210 festgenommen und 193 Waffen konfisziert. Opferorganisationen befürworten das harte Durchgreifen, fordern jedoch weitergehende Maßnahmen. Lyn Costello von MAMAA (Mothers against Murder and Aggression) will, dass "allein das Tragen von Waffen strafbar sein soll, mit Freiheitsentzug." Bei Boris Johnson rennt sie damit offene Türen ein.

Sicherheit – dies scheint die wichtigste Forderung der Bürger. Kaum jemand zeigt noch Verständnis für die jugendlichen Gewalttäter, alle sind beherrscht von der  Angst um ihr eigenes Leben: 59 Prozent der Londoner geben an, sich in der Stadt nicht mehr sicher zu fühlen; mehr als 30 Prozent haben bereits Erfahrungen mit Gewalt gemacht. Und das, obwohl die allgemeine Verbrechensrate gesunken ist. Aber laut Scotland Yard sind Gewalttaten von Jugendlichen an Jugendlichen gestiegen. Und: Sie werden vor allem zwischen 15 und 17 Uhr begangen, am helllichten Tag. Die Tatorte beschränken sich auch längst nicht mehr auf Problemviertel: Im Mai etwa wurde ein 22-Jähriger nachmittags mitten auf der Oxford Street niedergestochen.

Noch mehr Unterstützung bekam Johnson schließlich, weil er Jay Lewis als Jugendbeauftragten einsetzte. Der Theologe, ehemaliger Pastor und Leiter eines Jugendgefängnisses, war sehr erfolgreich mit der "Eastside Young Leaders’ Academy", eine Einrichtung für junge, überwiegend schwarze Männer. "Der Anteil schwarzer Männer in Gerichtssälen ist hoch genug. Es wird Zeit, dass wir diesen Anteil in Vorstandszimmern haben", lautete sein Motto. Zur Gründung hatte Lewis selbst 20 000 Pfund investiert, heute finanziert sich das Projekt vollständig aus Spenden der privaten Wirtschaft. Nach der Schule "marschieren die Jugendlichen hier im afrikanischen Stil, machen Sport und ihre Hausaufgaben. Wir bringen ihnen bei, ‚Bitte’ und ‚Danke’ zu sagen", so die Projektleiterin. Und es hält junge Männer von der Straße und den geschätzten 171 Gangs fern, die noch immer für die meisten Gewaltverbrechen unter Teenagern verantwortlich gemacht werden.