Normandie, Juni 1944. US-Soldaten durchkämmen eine zerstörte Stadt, als krachend eine Granate explodiert. Einer der Männer zerplatzt auf der Stelle in rote Fetzen. Ein anderer blutet aus tiefen Wunden, sackt Sekunden später leblos zusammen. Dann ist die Zwischensequenz in dem Computerspiel Brothers In Arms: Earned In Blood vorbei. Auf dem Bildschirm blickt der Spieler wieder über den Lauf seiner Maschinenpistole in die schmutzig-graue Trümmerlandschaft, Schüsse peitschen durch die Luft, Soldaten brüllen. Irgendwo hinter den Rauchschwaden lauern die Deutschen, die jetzt per Mausklick ausgeschaltet werden müssen.

Das Spiel ist ein sogenannter Taktik-Shooter. „Taktik“, weil der Spieler im digitalen Kugelhagel überlegt vorgehen muss. „Shooter“, weil es letztlich eben darum geht, die Gegner zu erschießen. Nach den Debatten über gewalthaltige Videospiele, ausgelöst durch die Amokläufe von Erfurt und Emsdetten, würde mancher vielleicht sagen: Das ist ein „Killerspiel“, mit Sicherheit nichts für Kinder!

Das steht auch auf dem Cover des Spiels, in einer roten Raute unten links. „Keine Jugendfreigabe“, das heißt: ab 18 Jahren. Doch das kleine Kennzeichen sei nur mit der Lupe zu lesen, sagt Familienministerin Ursula von der Leyen, „das bringt rein gar nichts“. Das neue Jugendschutzgesetz, das seit Juli in Kraft ist, macht damit Schluss: Die Altersfreigaben müssen nun deutlich größer angegeben werden. Medienforscher befürworten das. Gleichzeitig sollen durch das Gesetz auch „gewaltbeherrschte“ Spiele leichter für Kinder und Jugendliche verboten werden können. Doch an diesem Passus haben Experten ihre Zweifel.

Spiele, die von den Obersten Landesjugendbehörden keine Jugendfreigabe bekommen, dürfen offen im Geschäft stehen, aber nur an über 18-Jährige verkauft werden. Händlern, die dagegen verstoßen, drohen Geldstrafen bis zu 50.000 Euro. Allerdings zeigen Studien, die das Hamburger Hans-Bredow-Institut zusammengetragen hat, dass Kinder dennoch an solche Spiele kommen: in Geschäften, über Freunde, das Internet – und Eltern. Es gibt deshalb noch höhere Einstufungen. Wenn zum Beispiel die Gewalt so im Vordergrund steht, dass sie als „jugendgefährdend“ gilt. Solche Spiele kann die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index setzen. Ein indiziertes Spiel darf nicht mehr beworben oder ausgestellt, sondern nur noch für Erwachsene unter dem Ladentisch hervorgeholt werden.

Das neue Jugendschutzgesetz bestimmt, dass Medien als jugendgefährdend gelten, die „Mord- und Metzelszenen selbstzweckhaft und detailliert“ darstellen oder „Selbstjustiz als einzig bewährtes Mittel zur Durchsetzung der vermeintlichen Gerechtigkeit“ nahelegen. Tatsächlich sind diese Kriterien aber nicht neu. „Die Bundesprüfstelle hat solche Gewaltdarstellungen schon vorher als jugendgefährdend betrachtet“, sagt Petra Meier, die stellvertretende Vorsitzende des Kontrollorgans.

Umstritten ist jedoch die dritte Änderung im Gesetzestext. Neben den „einfachen“ gibt es die „schwer jugendgefährdenden“ Inhalte. Dazu zählen etwa Volksverhetzung und Gewaltverherrlichung. Beides ist schon nach dem Strafgesetzbuch verboten. Solche Medien müssen nicht erst auf dem Index stehen, sie sind bereits per Gesetz indiziert. Nach dem neuen Gesetz gilt das auch für Spiele, die „besonders realistische, grausame und reißerische Darstellungen selbstzweckhafter Gewalt beinhalten, die das Geschehen beherrschen“.