Wenn sich die Befreiung von Ingrid Betancourt und den 15 anderen Geiseln tatsächlich so zugetragen hat, wie es die kolumbianische Regierung derzeit schildert, wenn es gelungen sein sollte, die Rebellen der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc) bis in ihre Führungsspitze hinein zu infiltrieren, so gründlich, dass kein Argwohn entstand, als die wichtigsten politischen Geiseln der Guerilla an einem Ort zusammengeführt und an vermeintliche Mitstreiter übergeben werden sollten, dann sind die Farc erheblich mehr geschwächt, als man bisher hoffen durfte.

Ingrid Betancourt hat die Operation nach ihrer Befreiung als "perfekt" und "historisch beispiellos" bezeichnet. Sie stellt schon allein deshalb ein Novum dar, weil die kolumbianischen Streitkräfte entgegen ihrer bisherigen Strategie nicht den brachialen Weg des bewaffneten Überfalls gewählt haben, der den Farc immer wieder zu viel Zeit gelassen hat, ihre Geiseln zu töten, um sie nicht dem Feind zu überlassen. Vielmehr ist es gelungen, eine Finte zu legen, die Geiselnehmer auszutricksen. Nach offiziellen Angaben ist bei der Aktion kein einziger Mensch ums Leben gekommen. Es bleibt zu hoffen, dass auch die Guerilla von einer Bestrafung der Verantwortlichen absehen wird.

Die Befreiung der Geiseln stellt nicht nur innerhalb des gesamten Konfliktszenarios, sondern auch innerhalb der Streitkräfte einen Sieg der Intelligenz über das Beharren auf rein militärischen Mitteln dar. Jahrelang hat das Militär unter der Regierung von Präsident Álvaro Uribe reagiert wie ein tonnenschwerer, wenig flexibler Panzer. Umso mehr überrascht nun die Fähigkeit zum raffinierten Hinterhalt. Und sie lässt hoffen.

Die Farc stehen nun an einem Wendepunkt. Beharren sie auf ihrem kriegerischen Widerstand, versuchen sie gar, durch neue Geiselnahmen den jüngsten Verlust zu kompensieren, dann riskieren sie, auf der Weltbühne bald sehr allein dazustehen. Selbst der venezolanische Präsident Hugo Chávez, der den Rebellen politisch nahe steht, hat die Farc unlängst in einer Fernsehansprache zur Kapitulation aufgefordert. Obwohl sich weiterhin mehr als 700 Menschen in der Gewalt der Rebellen befinden, darunter 26 Soldaten, Polizisten und Politiker, die für einen Gefangenenaustausch vorgesehen waren, haben sie doch mit Ingrid Betancourt und den drei US-amerikanischen Geiseln den Faustpfand verloren, der ihnen während der vergangenen Jahre international Gehör versicherte.