Pro: Die Hoffnung auf einen "sauberen" Sport ist kein Luftschloss mehr – zurück zur Begeisterung!

Von Adrian Bauer

Es ist Tour und keiner guckt hin. Nur 860.000 Zuschauer verfolgten im ZDF die erste Etappe, das ist noch weniger als im vergangenen Jahr. Auch diesmal scheint sich das Interesse der meisten Beobachter mehr darauf zu kaprizieren, wer als erster Sünder erwischt wird, als auf die Etappensieger. Eine kritische Betrachtung des Radsports ist wichtig, doch ein bisschen Begeisterung darf auch wieder sein.

Denn die Tour-Verantwortlichen haben endlich durchgegriffen. Es wurde viel dafür getan, dass jetzt und künftig wieder Sportler und keine Pilleneimer auf zwei Rädern über die Straßen der Grande Nation rollen. Darum darf der geneigte Radsport-Fan schon jetzt wieder mitfiebern, wenn sich die Helden auf zwei Rädern nach L’Alpe-d’Huez hinaufkämpfen oder auf der Champs Élysée um den letzten Etappensieg sprinten. Das berühmteste Radrennen der Welt drohte zur Farce zu verkommen. Doch durch die Einsicht der Organisatoren hat sich der Sport eine zweite Chance verdient.   

Der erste Schritt zur sauberen Tour war die Trennung vom Radsport-Weltverband UCI. Dessen Funktionäre hatten, ähnlich wie manche (Ex-)Fahrer, mit bemerkenswertem Starrsinn verleugnet, dass ihr Sport von Doping-Netzwerken unterwandert war. Man nahm es im Zweifel lieber einmal nicht so genau mit den Kontrollen, als einen Spitzenfahrer zu sperren, wie das Beispiel Michael Rasmussen zeigt. Und der Starrsinn bleibt: Mitglieder, die sich beim Versuch, einen sauberen Sport zu bieten, vom Weltverband lossagen, werden mit Missachtung gestraft. Anders ist nicht zu erklären, warum Präsident Pat McQuaid und seine Mitarbeiter die Blutpässe für jeden Fahrer erst nach der Rundfahrt veröffentlichen wollen. Erst wurde geschlafen, nun sabotiert der Verband sein einstiges Vorzeige-Event Tour.

So muss die französische Anti-Doping-Agentur AFLD, die die Dopingkontrollen von der UCI übernommen hat, ohne die hilfreichen Blutpässe ihr Bestes tun. Doch durch die unabhängige Kontrollinstanz hat zumindest die Mauschelei des Verbands ein Ende. Zudem ist das Testsystem durch mehr Zufallsproben jetzt unberechenbar für Fahrer und Teams. Neue Analysemethoden erhöhen die Wahrscheinlichkeit, Sünder zu ertappen. Unangemeldete Überprüfungen gibt es jetzt zudem auch vor der Tour. Betrüger haben es also wesentlich schwerer, unentdeckt zu bleiben.

Eine weitere Neuerung ist, dass Doping für die Teams und die Fahrer zum wirtschaftlichen Risiko wird. Die komplette Astana-Mannschaft mit Vorjahressieger Alberto Contador und den Mitfavoriten Andreas Klöden und Levi Leipheimer wurde nicht zum Rennen eingeladen. Die Equipe war in der Vergangenheit immer wieder durch Doping-Vergehen aufgefallen. Der Ausschluss ist ein immenser Schaden für die Teams: Die Frankreich-Rundfahrt ist wegen des großen Medieninteresses die attraktivste Veranstaltung für die Sponsoren. Ein Ausschluss sorgt für größere Negativ-Schlagzeilen, weil nicht nur ein Fahrer, sondern das ganze Team als Betrüger gebrandmarkt wird. Solche Imageschäden können dazu führen, dass die Teams ihre Geldgeber verlieren.

Ausgeladen wurden auch einzelne Fahrer, wie der belgische Sprintstar Tom Boonen, weil die Veranstalter durch ihre Teilnahme einen Imageschaden befürchteten. Die Sportler müssen also künftig selbst besser über ihr Verhalten nachdenken, wenn sie nicht riskieren wollen, beim wichtigsten Ereignis ihrer Sportart zu fehlen. Denn egal, wie lange ein Profi im Geschäft ist, ein Tour-Etappensieg ist immer etwas Besonderes.

In einem Jahr die volle Wende zu schaffen ist bei einem flächendeckenden Dopingsystem, wie es den Radsport durchzog, sicher nicht möglich. Die Reformen müssen weitergehen, Betrüger weiter mit aller Härte gejagt werden. Doch schon jetzt hat sich so viel getan, dass die Hoffnung auf einen sauberen Sport kein Luftschloss mehr ist.