Álvaros Ramos kontrolliert den Musikmarkt Brasiliens. Er ist Geschäftsführer einer Elektro- und Plattenladenkette und hat sein Büro in São Paolo. Im Spätsommer 1958 rotiert auf seinem Plattenspieler eine 78er-Single, Ramos knurrt: "Warum nehmt ihr jemanden mit Erkältung?" Er reißt das Schellack vom Teller und zerschlägt es an der Tischkante. "So einen Mist schicken sie uns aus Rio", wütet er. Erst nachdem er den gut aussehenden Sänger des Lieds kennengelernt hat, nimmt er die Platte in den Handel auf: Chega de Saudade (Nie wieder Sehnsucht), gesungen von João Gilberto, geschrieben von Antônio Carlos "Tom" Jobim.

Das ist die Gründungslegende der Bossa Nova. Und so erzählt sie auch der brasilianische Journalist Ruy Castro in seinem 1990 erschienenen Wälzer, der im Original Chega de Saudade heißt und als Bossa-Bibel gilt. Im August 1958 erschien diese berühmte 78er-Single bei Odeon mit der Seriennummer 14.360. Auf der Rückseite war das Stück Bim-Bom von Gilberto und Vinícius de Moraes eingeritzt.

Diese Platte soll also ein Genre begründet haben. Wie so viele Mythen spart auch die Geschichte von der Geburt der Bossa Nova Details aus, die eine simple Erzählung verkompliziert hätten. Es fehlt etwa die Tatsache, dass Gilberto schon kurz zuvor als Gitarrist mit der Sängerin Elizeth Cardoso erste Bossa-Nova-Stücke aufgenommen hatte, darunter auch Chega de Saudade. Demnach wäre Cardosos LP Canção Do Amor Demais das erste Bossa-Nova-Album. Auch die Übersetzung des Begriffs ist nicht unumstritten. Neue Welle, neuer Weg, neues Ding werden angeboten. Hauptsache: neu.

João Gilberto kam vom Land, war mit 18 nach Salvador de Bahia gezogen und gab dort den mittellosen Sängergitarristen. Eine Radio-Band in Rio engagierte ihn, feuerte ihn aber bald wieder wegen seiner Unzuverlässigkeit. Er schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, ergab sich Suff und Kiff, hatte ein bisschen Erfolg in Nachtclubs in Porto Alegre im Süden und lebte dann mehrere Monate lang bei Verwandten, um an seinem Gitarrenstil zu arbeiten. Er ließ sich vom perkussiven, schnellen Samba-Stil Batucada beeinflussen, der eigentlich ganze Trommelgruppen verlangt – aber als er in Rios Künstlerviertel Ipanema auf "Tom" Jobim traf, entstand etwas ganz Anderes.

Jobim, in Ipanema geboren, war Barpianist an den Strandpromenaden Rio de Janeiros. Er und Gilberto mischten ihre Faszination für den Cool Jazz der Gringos mit der zähflüssigen Samba Canção, die seit Anfang der fünfziger Jahre populär war. Dazu sang Gilberto mit jener Schlafzimmerstimme, die den Plattenboss Ramos nach dem HNO-Arzt rufen ließ.