Ein amerikanischer Basketballstar wird kurz vor einem großen Turnier eingebürgert, im Handstreich zum Deutschen gemacht. Obwohl er die deutsche Sprache nicht versteht, noch nie in Deutschland gelebt hat und seine einzige Verbindung zum Land der Dichter und Denker aus seinen Urgroßeltern besteht, die während des Ersten Weltkriegs nach Amerika auswanderten. Vom Land seiner Vorfahren hat er bisher nur "zwei Flughäfen, das Teamhotel und die Hamburger Sport-Arena" gesehen. Sollte so jemand die deutschen Farben bei Olympia vertreten?

Zumindest sein neuer Teamkollege, Superstar Dirk Nowitzki, glaubt fest daran. Deshalb hat er seinen Kollegen aus der nordamerikanischen Profiliga NBA überhaupt erst für die Nationalmannschaft angeworben. Im vergangenen Winter hatte Kaman in einem Interview erstmals von seinen Familienbanden erzählt. Nowitzki erfuhr davon und nahm sofort Kontakt mit dem Spieler der Los Angeles Clippers auf. Nur wenige Monate später wurde der Einbürgerungsantrag auf den Weg gebracht. "Sportminister" Wolfgang Schäuble bestätigte ein "übergeordnetes öffentliches Interesse", Kaman wurde ohne Probleme deutscher Staatsbürger.

Sportlich ist der bewegliche 2,13-Meter-Hüne ein Gewinn für die deutsche Mannschaft. Vor allem in der Verteidigung bringt der Center eine Kombination aus Durchsetzungsvermögen, Augenmaß und Kraft, die dem Spiel von Nowitzki und Co. bisher fehlte. Vor allem gegen große, athletische Spieler hatte die deutsche Defensive bisher Probleme. "Er ist eine Riesenhilfe unter dem Korb", sagt Nowitzki über seinen neuen Kollegen. Mit dem rotblonden Riesen erhofft sich die Mannschaft bessere Chancen, beim Qualifikationsturnier, das am Montag in Athen beginnt, noch einen Startplatz für die Olympischen Spiele in Peking zu ergattern. 

Bei aller sportlichen Qualität, die der neue Mann mitbringt, er hat sehr wenig Zeit, um sich an die neuen Gegebenheiten zu gewöhnen. Sein erstes Spiel im deutschen Dress musste er auf der Ersatzbank verbringen. Wegen eines Abstimmungsproblems zwischen dem Deutschen Basketballbund, der US-Profiliga und seinem Heimatverein hatte Kaman noch keine Freigabe bekommen. So bleiben ihm nur ein Spiel und ein paar Trainingseinheiten vor dem Qualifikationsturnier, um die Spielzüge der deutschen Mannschaft zu lernen. Er muss sich an die europäische Version des Basketballs gewöhnen. Und er muss nicht zuletzt die Regeln des Basketball-Weltverbands Fiba, die bei Olympia gelten, lernen. Die Unterschiede zwischen der NBA und dem Rest der Welt sind teilweise substanziell.

Keine Probleme dürfte es dagegen mit der menschlichen Integration Kamans geben. Vom Typ her passt Kaman sehr gut in die deutsche Mannschaft. Der Bundestrainer charakterisiert ihn als "locker, aufgeschlossen, einer der auf Menschen zugeht". Star-Allüren sind dem NBA-Spieler, der auf einer Farm in Michigan aufgewachsen ist, fremd. Dem Nachtleben der Partymetropole Los Angeles kann er nicht viel abgewinnen. Nur in seiner Vorliebe für schnelle Autos (und seiner zuweilen sportlichen Fahrweise) hat die Glitzerwelt Hollywoods etwas auf ihn abgefärbt. Eine Sprachbarriere gibt es zudem nicht. Englisch ist die Sprache des Basketballs, der Bundestrainer benutzt sie seit Jahren vor und während der Spiele.

Aber egal, wie gut sich Kaman ins Team integriert und wie viel er der Mannschaft hilft, es bleibt ein Wermutstropfen. Es dürfen nur zwölf Spieler mit nach Athen, mit dem Neuling stehen aber dreizehn im Kader. Dirk Bauermann muss also noch einen Akteur aussortieren. Ein junges Talent muss also auf den Traum Olympia verzichten, zugunsten eines frisch eingebürgerten Stars. Kein leichtes Schicksal, das weiß auch Dirk Bauermann: "Die Entscheidung muss transparent sein, aber sie wird hart, das ist klar", sagt der Bundestrainer. Andere haben ihren Platz im Kader zwar sicher, müssen aber zugunsten von Kaman auf Einsatzzeit verzichten. Ein Problem? Der bisherige Stamm-Center Patrick Femerling drückt sich diplomatisch aus: "Seine Statistik spricht für ihn, mit ihm sind unsere Chancen besser." Aber was werden die Arrivierten sagen, wenn ihrem neuen Kollegen die Umstellung in der kurzen Zeit nicht gelingt?