Einen Zusammenhang gibt es wohl nicht. Aber bizarr ist es schon, dass im Süden Belgiens, in Wallonien, am Wochenende die Erde bebte – und dann gut einen Tag später in Brüssel die Politik. Nach nur vier Monaten Amtszeit reichte Ministerpräsident Yves Leterme dort spät am Montagabend beim König seinen Rücktritt ein , was die politische Krise verschärft, in der das Land nun schon seit vielen Monaten steckt und aus der es immer schwerer einen Ausweg findet. Belgien, so scheint es, wird langsam unregierbar.

Schon nach der Wahl im vergangenen Jahr hatte sich gezeigt: Die Interessen und die politischen Forderungen der beiden Volksgruppen, der französischsprachigen Wallonen und die holländischsprachigen Flamen, klaffen immer weiter auseinander. Viele Flamen fordern eine weitgehende Autonomie der Provinzen.

Die Wallonen hingegen setzen – vor allem bei den Finanzen – auf den Zentralstaat. Sie fürchten, dass eine noch stärkere Regionalisierung zur Spaltung des Landes führen könnte, worunter vor allem sie als zahlenmäßig kleinere und wirtschaftlich schwächere Gruppe leiden würden.

Wochenlang hatten belgische Politiker im Winter versucht, Kompromisse zwischen diesen Positionen zu finden – und den Konflikt schließlich vertagt. Ohne eine Lösung wählte eine Fünf-Parteien-Koalition im März schließlich dennoch den Wahlsieger, den flämischen Christdemokraten Yves Leterme zum Ministerpräsidenten. Zugleich beauftragten sie ihn, die Staatsreform anzugehen. Und so kümmerte sich Leterme seit Wochen um kaum ein anderes Thema. Leider erfolglos.

Der Streit eskalierte nun offensichtlich wieder einmal an der Frage, wie mit dem zweisprachigen Bezirk Brüssel-Hal-Vilvorde umgegangen werden soll, der die (mehrheitlich französischsprachige) Hauptstadt und ihr (flämisches) Umland umfasst. Leterme wurde in diesem Dauerkonflikt kurzerhand von seinen eigenen Leuten im Stich gelassen. Die Kompromisse, die er mit den Wallonen ausgehandelt hatte, gehen ihnen nicht weit genug.

Vor allem die kleine, mit Letermes Christdemokraten verbündete rechtspopulistische NVA zieht die Regierungskrise vor – aus einem einfachen Kalkül: Je unregierbarer das Land wird, desto mehr spielt die Entwicklung ihnen, und den Anhängern einer Teilung Belgiens, in die Hände.

Noch ist es nicht so weit. Die Belgier sind stolz, die Kunst des Kompromisses wie sonst niemand zu beherrschen. Allerdings liegen auch bei vielen Politikern in Brüssel inzwischen die Nerven blank. Zugleich wächst ihre Ratlosigkeit. Einig scheinen sie sich nur noch in einem: Die Zeiten, in denen sie ihr Land stolz als Modell für Europa anpriesen, sind lange vorbei.