Wie in einem Gedicht ist in diesem Anfang eine ganze Welt enthalten:

"Im Juli pflegte mein Vater ins Bad zu fahren und mich zusammen mit meiner Mutter und meinem älteren Bruder den weißglühenden und berauschenden Sommertagen auszuliefern. Trunken vom Licht blätterten wir in dem riesigen Ferienbuch, dessen Seiten leuchtend flammten und auf ihrem Grund das bis zur Besinnungslosigkeit süße Fruchtfleisch goldener Birnen bargen."  

Der polnische Autor und Zeichner Bruno Schulz, der mit diesen Sätzen sein 1933 erschienenes Buch Die Zimtläden beginnt, hat ein Leben lang von dieser Welt gezehrt: der Welt der Kindheit. Bei Marcel Proust waren es die in den Lindenblütentee getauchten Madeleines, die die Erinnerung entfalteten. Schulz benutzt einzelne Erinnerungsbilder. Besonders wichtig war ihm das einer Droschke "mit aufgesetzten Kasten und brennenden Laternen", die in einen Wald hinausfährt. "Mir scheint", schreibt er 1935, "daß der ganze Rest des Lebens damit vergeht, diese Einblicke zu interpretieren, sie ihrem ganzen Inhalt nach auseinanderzunehmen und durch die ganze Spannweite des Intellekts zu geleiten, die uns zusteht."  

Allerdings sieht das, was Schulz aus dieser Quelle machte, auch anders aus als bei Proust. Die Antwort auf die Frage nach der eigenen Biografie und ihres Sinnes sah Schulz nicht "in der äußeren Schilderung eines Lebenslaufes", auch nicht in einer "noch so tief geführten psychologischen Analyse". Schulz sah, wie der Apostel Johannes, "im Anfang das Wort". Erst mit ihrer Benennung beginnen die Dinge zu existieren, bekommen einen Sinn. Das "ursprüngliche Wort" sei "ein Phantasiegebilde, das den Sinn der Welt umkreiste, es war ein großes universales Ganzes. Das Wort in seiner alltäglichen, heutigen Bedeutung ist nur noch ein Bruchstück davon, das Rudiment einer früheren, allumfassenden, integralen Mythologie."

In den Zimtläden ist es der Vater, der dem "Demiurgen", wie dort der ursprüngliche Schöpfer der Welt heißt, Konkurrenz macht und deshalb, als eine Mischung aus Patriarch und Häretiker, "Häresiarch" genannt wird. Von seiner Umwelt nicht ernst genommen, lässt er sich Eier exotischer Vögel zuschicken, die, von "riesigen belgischen Hennen" ausgebrütet den Dachboden des Hauses bevölkern. Für das praktische Leben der Familie unbrauchbar, wird er vom Erzähler als Mann verteidigt, der für "die Sache der verlorenen Poesie" kämpft.

Wie seine Vaterfigur versucht auch Bruno Schulz mit seinen Texten etwas radikal Neues, Anderes, quasi an einem "Nullpunkt der Literatur" die Welt mythisch zu erschaffen. Ihn interessiert nicht die unendliche Fülle der Details menschlichen Zusammenlebens und menschlicher Kultur, sondern er schafft – fundamentaler – aus dem Material seines Lebens und dem Blick eines sich an seine Kindheit erinnernden Erzählers einen neuen Mythos und damit neuen Sinn.