Die Angst hat die Wall Street fest im Griff. Die Kurscharts der beiden weltgrößten Hypothekenfinanzierer, Fannie Mae und Freddie Mac, deren Probleme das ganze Finanzsystem in Gefahr bringen könnten, ähneln denen gefloppter Internet-Start-ups. In den vergangenen Handelstagen hat sich der Wert ihrer Anteilsscheine knapp halbiert. In Panik suchten die Investoren das Weite. So bedrohlich wurde die Lage, dass die US-Regierung einen Rettungsplan ankündigen musste.

Die Schuldigen waren an der Wall Street schnell ausgemacht. Verantwortlich für die Turbulenzen sind, so befinden die Meinungsführer, nicht etwa die Manager der beiden Institute, deren Verluste aus der Immobilienkrise seit vergangenen Dezember auf über elf Milliarden Dollar angeschwollen sind. Nein, es sind böswillige Spekulanten. Sie setzen Gerüchte um die Zahlungsunfähigkeit einzelner Banken in die Welt, um dann durch die Verunsicherung der Anleger kräftig Kasse zu machen.

Es ist bizarr: Die US-Banken müssen immer neue Verluste und Abschreiben melden und versinken stetig tiefer in der Krise. Sparer bangen um ihre Einlagen, nachdem das Hypothekeninstitut Indymac vor dem Wochenende zusammenbrach und die zweitgrößte Bankenpleite des Landes hinlegte. Doch statt die wirklichen Ursachen zu untersuchen, streiten die Akteure an der Wall Street sich heftig um angeblich gefährliche Gerüchteköche. "Wie Highschool-Girls kommen sie weinend nach Hause gerannt", spottet Online-Finanzkommentator David Weidner.

Ausgerechnet Jamie Dimon, Vorstandschef von JP Morgan Chase, hat sich an die Spitze des Kreuzzugs gesetzt.  "Wenn jemand mit Absicht ein Gerücht in Umlauf bringt oder weitergibt, dann sollte er in den Knast wandern!", forderte er in einem Interview. Als Beweis für die Gefährlichkeit vermeintlicher Kursmanipulateure führt er den Kollaps der fünftgrößten US-Investmentbank Bear Stearns an. Sie stelle "eine bösartige Zerstörung von Werten und Leben" dar, so ereiferte er sich.

Dabei dürfte gerade Dimon von dieser "Zerstörung" profitiert haben. Sein Finanzkonzern kaufte die Investmentbank Bear Stearns nach ihrem Zusammenbruch auf – für gerade zehn Dollar pro Aktie. Im Sommer zuvor war das Papier noch 150 Dollar wert gewesen.

Mehr Grund, sich über Flüsterpropaganda zu beklagen hat Richard Fuld, Vorstandschef bei Bear Stearns Rivalen Lehman Brothers. Seit dem Untergang seines ehemaligen Wettbewerbers kämpft Fuld gegen immer wiederkehrende Befürchtungen am Markt, sein Institut sei klamm. Für Investmentbanken wie Lehman Brothers, die keine eigenen Einlagen haben, sondern sich durch kurzfristige Kredite finanzieren, können solche Spekulationen schnell zu selbsterfüllenden Prophezeiungen werden.