Einer der prägendsten Momente in den Geschichten Homers ist die Begegnung von Odysseus mit den Sirenen. Da Odysseus die betörende Kraft ihrer Gesänge fürchtet, lässt sich der griechische Held an den Mast seines Schiffes binden, um nicht wahnsinnig zu werden.  In dieser Episode liegt ein Vertrauen in die rauschhafte Sinnlichkeit der Sprache jenseits des Verstandes.

Mit dieser Sprache hat sich nun schon zum neunten Mal das "Poesie Festival Berlin" verschworen. In diesem Jahr kuraierte Thomas Wohlfahrt es zum ersten Mal gemeinsam mit der Akademie der Künste: 150 Künstler, 25 Länder – eine Plattform für das lustvolle Spiel mit dem Wort. In diesem Jahr lag der Fokus auf der portugiesischen Sprache. Dichter und Musiker aus Afrika, Südamerika und Portugal präsentierten einen internationalen Poesiebegriff, der weit weniger rigide vermeintliche Hoch- und Trivialkunst von einander trennt, wie dies in Deutschland der Fall ist.  

Seit der Antike wurde lyrische Sprache mit Gesang verbunden. So wie damals hoch-spezialisierte Sänger die Homerischen Epen frei und rhythmisch vortrugen, so mischen sich in Berlin Spoken Word und elektronische Musik in eine der letzte Bastionen der bürgerlichen Empfindsamkeit – die Lyrik.

Die traditionelle Eröffnungsveranstaltung des Festivals, die "Weltklang-Nacht", geriet so zu einem babylonischen Sprachen- und Genrepool. Wenn die Dänin Inger Christensen in der Mittagshitze ihren verwilderten Singsang von zerbröselnder Erinnerung anstimmte, dann verlor sich selbst in der eingeschobenen deutschen Übersetzung bald der Satzbau. Was bleibt, ist der Klang.

Und der stand das ganze Festival über im Mittelpunkt: In der Weltklang Nacht durch so verschiedene Künstler wie den brasilianischen Sänger und Dichter Arnaldo Antunes sowie die U.S. Amerikanische Spoken-Word Artistin Ursula Rucker. Beide sind im Laufe der Woche mit ihrer Musik aufgetreten.

Mit der "e.poesie" suchten Dichter und Musiker nach einer neuen Form. Die von Andreas Rocholl organisierte Multimedia-Performance ließ Sprache, Musik und Bild aufeinander prallen und führte in den besten Momenten durch irritierende, hybride Kunsträume.