Polens moralische Instanz

Es gibt kaum jemanden, von dem man sich vorstellen könnte, dass sich die Nachricht von seinem Tode derart rasch verbreitet und die Öffentlichkeit des ganzen Landes sowie die Medien aller Couleur bewegt wie im Fall von Bronislaw Geremek. Er war eine moralische Instanz sondergleichen. Und die war er geblieben, obwohl er zuletzt an der Spitze einer kleinen liberalen Partei seinen unmittelbaren Einfluss auf die Politik seiner Heimat eingebüßt hatte; und obwohl ihn das Straßburger Europaparlament, dem er seit 2004 angehörte, im üblichen kleinkarierten Interessenhickhack nicht etwa zu seinem Präsidenten gewählt hatte, wie das von polnischer Seite aus angeregt worden war.

Geremek, 1932 in Warschau geboren, war der Sohn eines Rabbiners. Offen erzählte er davon, dass sein Vater in Auschwitz von Deutschen umgebracht worden ist. Er selbst wurde von couragierten Freunden der Familie gerettet. Der "deutsche Klang" blieb ihm fremd im Ohr.

Als 1980 die Streiks an der Danziger Werft wiederaufflammten und die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc gegründet wurde, war er es gemeinsam mit Tadeusz Mazowiecki (dem späteren ersten frei gewählten Ministerpräsidenten), der sofort im Namen einer großen Zahl von Intellektuellen den Arbeitern seine Hilfe anbot. Wenn es damals in Polen, vielleicht erstmals in seiner Geschichte, zu einer Versöhnung zwischen Arbeitern und Intellektuellen kam, dann steht gerade sein Name dafür, wie der weniger anderer. Ähnlich wie Adam Michnik büßte Geremek – bis zur großen antisemitischen Welle in Polen Mitglied der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei – nach der Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 dafür mit Haft.

Als junger Mann hatte er Geschichte studiert. Er promovierte über das Leben von Außenseitern, kleinen Leuten, Prostituierten im mittelalterlichen Paris – eine Professur freilich erhielt er erst nach der Wende von 1989. Bis dahin hatte er sich über Polens Grenzen hinaus einen Namen als einer derjenigen gemacht, die in den achtziger Jahren beim Wiederaufbau der zerschlagenen Solidarnosc halfen. Sie wurde, anders als die Bürgerrechtsbewegung in Ostdeutschland, schon bald zur Massenbewegung, in der sich viele Millionen engagierten.

Anfang 1989 mündete das im legendären polnischen "Runden Tisch". Das heißt: Protestler, katholische Kirche, Arbeiter, Intellektuelle und kommunistische Arbeiterpartei handelten einen Kompromiss aus, der zu den ersten freien Wahlen Monate vor dem Fall der Berliner Mauer führte.

Geremek verkörperte nicht nur diesen "Runden Tisch" sowie die Politik  des großen Kompromisses. Er stand für diese geglückte polnische Konsenssuche – zugleich aber für eine unbeugsame Autonomie. Eine Mischung, wie sie wohl nur in Polen zu finden ist. So uneitel Bronislaw Geremek auch war, er strahlte, noch bis ins letzte Gespräch hinein, zu dem ich ihn vor wenigen Wochen besucht habe, das Selbstbewusstsein einer polnischen Bürgerlichkeit aus, die sich ihre Freiheit selber erobert hat.

Polens moralische Instanz

Umso peinlicher, dass ausgerechnet diese polnische Ikone, Geremek, in der Amtszeit der Kaczynski-Zwillinge zu denen gehörte, die noch einmal eine öffentliche Erklärung abgeben sollten, nicht mit den Kommunisten zusammengearbeitet zu haben. Geremek weigerte sich – spontan, öffentlich und kompromisslos. Er ließ sich nicht entwürdigen. Moralisch disqualifiziert hatten sich diejenigen, die ihm das Bekenntnis abverlangten.

Er habe sich "um das deutsch-polnische Verhältnis" in unvergleichlicher Weise verdient gemacht, sagte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Das ist mehr als eine Formel. Die deutsche Sprache verstörte ihn zwar – aber in der Solidarnosc zählte Geremek eben auch früh zur legendären "deutschen Fraktion", ähnlich wie Mazowiecki. Sie vertraten die Meinung – ganz gegen die herrschende Lehre, aber auch gegen viele Freunde –, es liege im polnischen Interesse, dass Deutschland wiedervereinigt werde. Erstens, weil nur dann Deutschland keine Unruhe mehr nach Europa bringen werde. Und zweitens, weil dann kein kommunistischer Pufferstaat "DDR" Polen vom freien Westen abtrenne.

Diese Haltung war keine Selbstverständlichkeit für jemanden mit diesem Familienschicksal. Nach 1989 zählte Geremek dann sehr rasch zu jenen, die in der Bundesrepublik höchsten Respekt genossen; auf sein unabhängiges Urteil hörten liberale Persönlichkeiten wie Richard von Weizsäcker und Marion Gräfin Dönhoff, und er hörte auf sie. So entstand eine Art deutsch-polnischer Gesprächsgemeinschaft besonderer Art. Geehrt für seine Beiträge zur europäischen Einheit und zur deutsch-polnischen Aussöhnung wurde der Außenminister a. D. und Intellektuelle Geremek mit dem Dönhoff-Preis ausgezeichnet; die Laudatio auf ihn hielt Hans-Dietrich Genscher.

Als Politiker war Geremek bedächtig und vorsichtig. Als moralische Instanz war er eindeutig und unverbogen. Von ihm konnten Polen wie Deutsche lernen. Als Außenminister hatte er den Beitritt Polens zur Nato vorbereitet. Danach gefragt, wieso er, nach diesen bitteren Lebenserfahrungen im Zweiten Weltkrieg und dem "Jahrhundert der Extreme" für den Beitritt plädiere, erwiderte er: Er diene dem Schutze Polens vor Russland, er binde Deutschland und Polen zusammen, und er schütze schließlich auch Polen vor sich selber.

Im Frühjahr 2003 war Bronislaw Geremek Gast in Harvard. Polen hatte sich seinerzeit für den Irak-Krieg ausgesprochen, Deutschland dagegen, und Europa dividierte sich auseinander. Geremeks Urteil damals: Viel zu lange, bis 1989, habe es "zwei Europas und einen Westen" gegeben. Er wünsche sich nicht, dass künftig "ein Europa und zwei Westen" an deren Stelle träten. An die Adresse seiner amerikanischen Zuhörer richtete er, wie ich mich entsinne, die Bitte, die USA sollten jeden Versuch unterlassen, Europa in der Irak-Frage auseinanderzutreiben und den Westen zu atomisieren. Seine Regierung habe zwar "Ja" gesagt zur Intervention, aber Washington möge bedenken: Die oberste Priorität genieße nach den Jahrhunderterfahrungen dennoch das gemeinsame Europa. Das aufgeklärte, liberale amerikanische Publikum applaudierte ihm spontan.