Umso peinlicher, dass ausgerechnet diese polnische Ikone, Geremek, in der Amtszeit der Kaczynski-Zwillinge zu denen gehörte, die noch einmal eine öffentliche Erklärung abgeben sollten, nicht mit den Kommunisten zusammengearbeitet zu haben. Geremek weigerte sich – spontan, öffentlich und kompromisslos. Er ließ sich nicht entwürdigen. Moralisch disqualifiziert hatten sich diejenigen, die ihm das Bekenntnis abverlangten.

Er habe sich "um das deutsch-polnische Verhältnis" in unvergleichlicher Weise verdient gemacht, sagte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Das ist mehr als eine Formel. Die deutsche Sprache verstörte ihn zwar – aber in der Solidarnosc zählte Geremek eben auch früh zur legendären "deutschen Fraktion", ähnlich wie Mazowiecki. Sie vertraten die Meinung – ganz gegen die herrschende Lehre, aber auch gegen viele Freunde –, es liege im polnischen Interesse, dass Deutschland wiedervereinigt werde. Erstens, weil nur dann Deutschland keine Unruhe mehr nach Europa bringen werde. Und zweitens, weil dann kein kommunistischer Pufferstaat "DDR" Polen vom freien Westen abtrenne.

Diese Haltung war keine Selbstverständlichkeit für jemanden mit diesem Familienschicksal. Nach 1989 zählte Geremek dann sehr rasch zu jenen, die in der Bundesrepublik höchsten Respekt genossen; auf sein unabhängiges Urteil hörten liberale Persönlichkeiten wie Richard von Weizsäcker und Marion Gräfin Dönhoff, und er hörte auf sie. So entstand eine Art deutsch-polnischer Gesprächsgemeinschaft besonderer Art. Geehrt für seine Beiträge zur europäischen Einheit und zur deutsch-polnischen Aussöhnung wurde der Außenminister a. D. und Intellektuelle Geremek mit dem Dönhoff-Preis ausgezeichnet; die Laudatio auf ihn hielt Hans-Dietrich Genscher.

Als Politiker war Geremek bedächtig und vorsichtig. Als moralische Instanz war er eindeutig und unverbogen. Von ihm konnten Polen wie Deutsche lernen. Als Außenminister hatte er den Beitritt Polens zur Nato vorbereitet. Danach gefragt, wieso er, nach diesen bitteren Lebenserfahrungen im Zweiten Weltkrieg und dem "Jahrhundert der Extreme" für den Beitritt plädiere, erwiderte er: Er diene dem Schutze Polens vor Russland, er binde Deutschland und Polen zusammen, und er schütze schließlich auch Polen vor sich selber.

Im Frühjahr 2003 war Bronislaw Geremek Gast in Harvard. Polen hatte sich seinerzeit für den Irak-Krieg ausgesprochen, Deutschland dagegen, und Europa dividierte sich auseinander. Geremeks Urteil damals: Viel zu lange, bis 1989, habe es "zwei Europas und einen Westen" gegeben. Er wünsche sich nicht, dass künftig "ein Europa und zwei Westen" an deren Stelle träten. An die Adresse seiner amerikanischen Zuhörer richtete er, wie ich mich entsinne, die Bitte, die USA sollten jeden Versuch unterlassen, Europa in der Irak-Frage auseinanderzutreiben und den Westen zu atomisieren. Seine Regierung habe zwar "Ja" gesagt zur Intervention, aber Washington möge bedenken: Die oberste Priorität genieße nach den Jahrhunderterfahrungen dennoch das gemeinsame Europa. Das aufgeklärte, liberale amerikanische Publikum applaudierte ihm spontan.