Manchmal kommt es an den Finanzmärkten zu Situationen, in denen alles aus den gewohnten Bahnen ausbricht. Nirgendwo scheint es mehr Muster zu geben, die man kennt und auf die man zurückgreifen kann, um aus ihnen Prognosen über künftige Kursbewegungen abzuleiten. Genau das geschieht zurzeit an den Märkten.

In den USA ist am vergangenen Freitag mit Indymac einer der größten Immobilienfinanzierer des Landes Pleite gegangen und wurde unter staatliche Aufsicht gestellt. Der Staat hat quasi die Insolvenzverwaltung übernommen, die Steuerzahler werden wohl für die Schäden aufkommen müssen. Und die sind nicht gering - schließlich zeichnet sich jetzt schon ab, dass diese Bankenpleite mindestens auf Platz zwei der ewigen Bestenliste kommen wird.

Wohin strebt die Börse? Immer zu Wochenbeginn versucht das Börs-o-Meter eine Antwort © Katharina Langer für ZEIT ONLINE

Die Versuchung ist groß, Parallelen zur Krise des Bankhauses Bear Stearns zu ziehen, obwohl dieses auf anderem Terrain arbeitet als die US-Hypothekenfinanzierer. Bear Stearns stand Mitte März vor dem Abgrund, nachdem Zweifel an der Zahlungsfähigkeit des Geldhauses auftauchten und die Kunden massiv Kapital abzogen. Die US-Notenbank Fed hatte deshalb an einem Wochenende zusammen mit JP Morgan einen Rettungsplan ausgearbeitet, der in der Übernahme von Bear Stearns endete.

Die Folge war eine kräftige Kurserholung über mehrere Wochen, die am Ende aber doch in sich zusammengefallen ist. Im Moment befinden wir uns wieder an oder unter den Tiefstständen vom März.

Vor diesem Hintergrund könnte der Bezug auf die Entwicklung vom März den Anlegern zumindest eine gewissen Orientierung geben. Die Behavioral Finance nennt so etwas "Repräsentativheuristik", was bedeutet: Der Anleger sieht vergangene Ereignisse als repräsentativ für die aktuelle Situation an und projiziert die damalige Entwicklung als Erwartung in die Zukunft.

Zumindest kurzfristig würde das Mut machen. Schließlich war die damalige Rettungsaktion der Startschuss für eine Aufwärtsbewegung der Kurse. Jetzt wird wieder eine Bank gerettet. Was liegt da näher, als ebenfalls eine deutliche Kurserholung zu erwarten? Das Problem dabei: So einfach ist es nicht. Die Repräsentativheuristik blendet so manche Faktoren aus, die nur scheinbar unwichtig sind. Im März ging es primär um eine Bank. Sie wurde gerettet. Jetzt ist Indymac nur eine Problembank unter vielen. Schon vor ihrer Pleite gerieten Freddie Mac und Fannie Mae (F&F) in finanzielle Schwierigkeiten, zwei von der US-Regierung geschaffene Finanzinstitute, die Immobilienkredite von den Banken aufkaufen, sie verbriefen und die so geschaffenen Anleihen dann wenn möglich weiterverkaufen. Dadurch werden die Bilanzen der Banken entlastet und das Risiko gestreut - so ist zumindest die Theorie.

Inzwischen ist das Volumen der durch F&F verbrieften Kredite so groß und die Immobilienkrise so tief, dass Schwierigkeiten bei diesen Instituten ein Systemrisiko für das Weltfinanzsystem darstellen. Aus diesem Grund hat die US-Notenbank Fed zusammen mit dem US-Finanzministerium und dem Kongress übers Wochenende ein Maßnahmenpaket geschnürt, dass das Vertrauen der Märkte wiederherstellen soll.