Es war ruhiger geworden um die Familie McCann aus dem englischen Ort Rotheley, deren Tochter Madeleine aus einem Ferienapartment an der portugiesischen Algarve verschwunden ist. Noch immer gelten die beiden Ärzte als Berühmtheiten, was der Öffentlichkeit erlaubt, an ihrem Leben teilzuhaben und es zu kommentieren. Die Medien tun es jedoch mittlerweile nachrichtlich kühl, reduziert auf besondere Anlässe: Der Jahrestag des Verschwindens am 3. Mai, Madeleines fünfter Geburtstag und der zweite ohne ihre Familie, der erste Urlaub der Familie ohne die Tochter. Sogar die  Ankündigung eines "Enthüllungsbuchs" von Polizeiinspektor Goncalo Amaral fand nur träge Beachtung.

Verantwortlich für die Distanz der Presse sind vor allem die erfolgreichen Klagen der McCanns gegen eine der größten Zeitungsgruppen des Landes, die ihnen im März eine gedruckte Entschuldigung auf den Titelseiten des Daily Express und Daily Star und die Zahlung von rund 700.000 Euro an den "Find Madeleine Fund" einbrachte. Auch der dritte Verdächtige, Robert Murat, erstritt in der vergangenen Woche ein Entschädigung in Höhe von rund 870.000 Euro wegen diffamierender Berichterstattung. "Die Richtersprüche waren ein Warnschuss, auch für die Medien, die verschont geblieben sind. Es hat jede Sensationsgier erstickt", so Medienexperte Roy Greensdale von der London City University. "Jetzt dürfen sie nur noch das schreiben, was sie sicher wissen. Deshalb schreiben sie lieber gar nichts mehr."

Das wohlsituierte Ärztepaar präsentierte sich im letzten Sommer den TV-Crews und Fotografen noch ganz anders als heute: mit von Schmerz gezeichnetem Gesicht am Strand an der Algarve, während einer Audienz bei Papst Benedikt XVI., als es das Foto der kleinen Madeleine segnen ließ, oder es präsentierte gemeinsam mit Amerikas First Lady Laura Bush ein Alarmsystem für vermisste Kinder. Täglich druckte der Daily Mirror die Anzahl der Tage seit Madeleines Verschwinden, vermutlich inspiriert von der Zähluhr, die auf der von den McCanns eingerichteten Webseite, www.findmadeleine.com , zu sehen war.

 "Sky News" richtete eine eigene Internetseite zu dem Fall ein, die Sun berichtete täglich unter der Rubrik "Maddie" über den Fall. Zwar zeigten Gerry und Kate McCann überraschend viel Professionalität im Umgang mit den Medien, doch sie sicherten sich damit nicht die Sympathien. Als die portugiesischen Polizei die McCanns  im September zu "arguidos", zu Verdächtigen, erklärten, blieb die Aufmerksamkeit der Medien zwar ungebrochen, die Emotionen schwenkten jedoch radikal um: Plötzlich wurde aus der Anteilnahme umfassendes Misstrauen. Die McCanns wurden nicht nur für das Verschwinden ihrer Tochter verantwortlich gemacht.

Was folgte, war eine Schlammschacht mit Berichten von Partnertauschorgien, verheerenden Eheproblemen und einer Mutter, die psychisch nicht im Stande schien, sich um ihre Kinder zu kümmern. Dabei war der Kreislauf stets derselbe: Obwohl zur Verschwiegenheit verpflichtet, versorgten ungenannte Polizeiquellen die portugiesischen Medien mit einem Strom von Informationen über die Geschehnisse jenes denkwürdigen Abends des 3. Mai 2007. In der internationalen Presse wurden sie kurzerhand für wahr erklärt. Es ist seither zu einem typisch britischen Zeitvertreib geworden, die Geschehnisse und Ungereimtheiten zu analysieren: Der mysteriöse Mietwagen, der mehr Kilometer gefahren war, als die McCanns angegeben hatte. Der Bericht eines Kellners, wonach Kate McCann als erste Reaktion gerufen haben soll: "Sie haben sie genommen." Und natürlich wird die Frage gewälzt, wie Eltern ihre drei- und einjährigen Kinder allein in einem Hotelzimmer lassen konnten, das entgegen ihrer Aussagen nicht von der berüchtigten Tapas-Bar einsehbar war. 

Auch wenn die Richtersprüche den Mutmaßungen und Anschuldigungen in den Medien ein Ende gesetzt haben, die Zweifel, die gesät wurden, können sie nicht aus den Köpfen der Menschen entfernen. "Die Meinung der Öffentlichkeit ändert das nicht. Auch wenn die Berichte in der Presse nun zurückhaltend sind - auf Web-Seiten und in öffentlichen Diskussionen sind die Menschen emotional wie zuvor", meint Experte Greensdale. "Entweder sie sympathisieren stark mit den McCanns oder sie stehen ihnen feindlich gegenüber. Meiner Beobachtung nach überwiegt sogar dieses feindliche Lager in der öffentlichen Wahrnehmung." Das, so Greensdale, werde sich auch nicht dadurch ändern,  dass die portugiesische Polizei den Fall schließt und damit die McCanns vom Status der Verdächtigen freispricht.