ZEIT ONLINE: Heute trifft sich William Burns mit einer iranischen Delegation in Genf. Welche Bedeutung hat diese Begegnung?

Volker PERTHES: Zuerst wollten die USA mit Iran überhaupt nicht reden. Seit 2006 ist Washington bereit, mit Teheran unter bestimmten Bedingungen zu verhandeln, vor allem wenn die Iraner die Uran-Anreicherung einstellen. Nun sind die USA offensichtlich bereit, sich an den Gesprächen der Europäer mit den Iranern zu beteiligen. Mehr ist es nicht. Direkte bilaterale Verhandlungen über das Atomthema und insbesondere die Frage der Sicherheit stehen noch aus.

ZEIT ONLINE: Sind wir so weit, dass Iran als legitimer Gesprächspartner betrachtet wird?

Volker PERTHES: Nein, aber wir befinden uns auf dem Weg. Jetzt sitzt William Burns mit den Iranern gemeinsam an einem Tisch – zwar mit dem deutlichen Auftrag, nicht zu verhandeln und nur zuzuhören, aber damit setzt Washington ein Signal. Auch wenn es in erster Linie darum geht, auszuloten was überhaupt möglich ist. Es ist kein Durchbruch. Eher ein Eingeständnis, dass der Weg der Diplomatie doch der beste ist.

ZEIT ONLINE: Syriens Präsident Baschar Al-Assad sprach am vergangenen Sonntag während des Treffens der Mittelmeerunion mit Nicolas Sarkozy, jetzt redet die USA offiziell mit Iran – kann man sagen, dass die Zeit der "Schurkenstaaten" vorbei ist?

Volker PERTHES: Der Schlüssel zur Erklärung ist ein anderer. Die Parteien im Nahen und Mittleren Osten sehen ein, dass die jüngsten Entwicklungen in der Region sie an den Rand einer Katastrophe bringen. Man kann nicht mehr darauf warten, dass Amerikaner oder Europäer Frieden stiften, oder einzelne Parteien davon abhalten, militärische Aktion zu unternehmen – zum Beispiel, dass die Amerikaner den Israelis Zügeln anlegen. Den verschiedenen Ländern der Region wird bewusst, dass sie sich nun selbst um Deeskalation bemühen müssen. So hat die Türkei angefangen, zwischen Israelis und Syriern zu vermitteln – auch wenn beiden nicht miteinander sprechen wollen. Interessante Parallelität: Auch die Amerikaner und Iraner sprechen nicht direkt miteinander, sondern über verschiedene Kanäle. Die Qataris vermitteln zwischen den einzelnen Fraktionen in Libanon, Ägypten zwischen Hamas und Israel – all das ist ein neues Muster.

ZEIT ONLINE: Hat sich die klassische Arbeitsteilung in der Weltpolitik – EU handelt, USA droht und greift an – erübrigt?

Volker PERTHES: Nein, die USA drohen Iran immer noch. Sie sagen sehr deutlich, dass keine Option vom Tisch ist. Auch Israel droht auf sehr konkreter Weise, nicht nur verbal – siehe die jüngsten Manöver über dem Mittelmeer, wo hundert israelische Jets einen Angriff geprobt haben. Darauf kam Irans Antwort, der in der vergangenen Woche mehrere Raketen getestet hat.