Es ist ein gewöhnlicher Trainingstag im Schießsportzentrum Friedberg im thüringischen Suhl. Er steht im einzigen Gebäude auf dem Olympia-Stützpunkt, das seinen Ost-Charme behalten durfte. Davor ein Jägerzaun mit dem Warnhinweis "Achtung Schießstand", eine im Wind schlagende Tür. Neben dem Pistolenschützen steht ein kleiner Beistelltisch, darauf ein Paket 22 Kaliber Schnellfeuer-Patronen und seine Waffe, gebettet auf einer grünen Samtmatratze. "Ich bin mit ihr verbunden, sie soll nicht verkratzen", sagt er. Hat sie einen Namen? "Nein, eine Nummer."


Dreimal Olympiasieger, viermal Weltmeister, dreizehnmal Europameister, zwölfmal Gesamt-Weltcup-Sieger, 46 Jahre alt, seit 31 Jahren an der Waffe. Ralf Schumann ist der Michael Schumacher an der Sportpistole, viele nennen ihn Schützen-Schumi. Er hat mehr Titel gewonnen als der Rennfahrer. Und trotzdem kennt ihn kaum einer, den freundlichen, höflichen Mann mit dem blauen Käppi, auf dem nicht Dekra oder Audi steht, sondern "Jesus lebt".


"Es ist schon schade und es macht traurig", sagt Schumann. Nüchtern, ohne Nachdruck und ohne Allüren. Dick auftragen liegt ihm nicht. Schumann ist wie sein Sport: präzise, ruhig, kontrolliert und bodenständig. In seiner Welt gibt es keine Boxenluder, kein Motorröhren, keinen Wohnsitz in Monaco, keine kreischenden Fans. Es gibt nur einen, diesen exakten Knall. Es gibt auch nur eine Frau, Anke Schumann. Sie ist ebenfalls Sportschützin und betreibt das Nagelstudio "Olympia".

Für die Schumanns ist der einzige Lebensmittelpunkt in Stockheim, einem 1200-Seelen-Dorf in der bayrischen Rhön. Und es gibt nur Fans aus den eigenen Reihen. Fachpublikum. Das zu Anlässen wie den Deutschen Meisterschaften die Halle sprengt, sonst aber auf sich warten lässt. Auf Schumanns Homepage (www.schuetzenschumi.de) können sich Fans eine Autogrammkarte herunterladen. Mehr nicht.


Kein Forum, kein Gästebuch für Glückwünsche. Dafür ein Blick in Schützen-Schumis Innenleben. Was er mag: Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Ordnung und Pasta. Was er nicht mag: Unzuverlässigkeit, Lügen, Hektik und weiche Pasta.


Was er auf seiner Website nicht verrät: Ralf Schumann ist ehrgeizig. Akribisch ehrgeizig. Sein Leben ist der Sport und der Sport ist sein Leben. Er raucht nicht, trinkt nicht. Sein Beruf als Automechaniker wich einer Anstellung im Waffengroßhandel, mittlerweile ist er hauptberuflich Trainer. Im Winter trainiert er den Nachwuchs, im Sommer geht es mehr um ihn selbst. Er ist der einzige Schütze, der zum dritten Mal als Olympiasieger nach Hause kam. Warum nicht noch ein viertes Mal oder ein fünftes? "Es ist das Bestreben, im Schießsport unsterblich zu werden", beschreibt Bundestrainer Peter Kraneis die Motivation seines Sportlers. Ralf Schumann arbeitet daran. Seit 31 Jahren.