In dem Wortbruch schwang der Mollton landesmütterlicher Besorgnis mit. Im Dorf Ruppertshofen am Ostrand der Schwäbischen Alb saßen Anfang des Jahres Jens Haas und ein paar weitere christlich orientierte Freunde beieinander und kochten vor Empörung, als sie hörten, wie Andrea Ypsilanti in Hessen ankündigte, dass sie entgegen ihrem Wahlversprechen nun doch mit der Linkspartei zusammengehen wollte. Ein Glück, dass es anders kam, sagt Haas: "Die Dagmar Metzger hätte eigentlich einen Orden verdient."

Ein paar Monate später schickt sich Haas selber an, jemand zu werden bei den Sozialdemokraten, und er fängt mit einer kleinen Sensation an: Während weiterhin Mitglieder die SPD zu Tausenden verlassen, hat er zusammen mit seinem frisch gewählten Stellvertreter Sigmar Zidorn in einem kleinen Kaff in Ostwürttemberg, in absolutem CDU-Land also, einen neuen sozialdemokratische Ortsverband ins Leben gerufen. Er selbst ist nun Vorsitzender. Acht weitere Erwachsene mit Haus, Familie und politischem Gewissen haben die Parteimitgliedschaft unterschrieben.

Haas, 30 Jahre alt, hat Ehrgeiz und keine Angst vor einem möglichen politischen Aufstieg in der SPD. "Je höher, desto besser", sagt er und ruft – im klassischen Ton der Arbeiterbewegung – zum zahlreichen Beitritt in die SPD Tonolzbronn auf: "Nur in der Masse ist man stark. Das sollen die Leute endlich mal begreifen."

Tonolzbronn, 42 Einwohner, davon 16 Kinder und Jugendliche, ist nicht eigentlich ein Dorf, mehr ein bröckelndes Häuserensemble nahe Ruppertshofen mit einer evangelischen Kirche in der Mitte, die auf einem romanischen Sockel aus dem 10. Jahrhundert steht. Kein Bäcker, kein Metzger, kein Lottoladen.

Der Landwirt Kurt Höfer käme nie auf die Idee, hier ausgerechnet die Sozialdemokraten zu wählen, geschweige denn, ihnen beizutreten. Er ist im Dorf geboren. Mit seinen beiden Hunden spaziert der 78-Jährige zuweilen die Straße entlang und sinnt der Nachkriegszeit hinterher, da der Ort noch mehr als 100 Einwohnern hatte, als man sein Hab und Gut vor "dem Amerikaner" versteckte und sich sicher sein konnte, dass niemand etwas verriet.

Natürlich hat Höfer die dunklen Limousinen beobachtet, die am 14. Juli vor dem schönen neuen Haus von Sigmar Zidorn vorfuhren, und tags darauf die Fotos von Ute Vogt und Erhard Eppler in der Lokalzeitung studiert, der SPD-Landesvorsitzenden und des alten Partei-Vordenkers. Der alte Landwirt war aber wenig beeindruckt. "Ich kann nicht verstehen, wie studierte Leut’ die SPD wählen können. Die müssen doch wissen, wo’s Geld herkommt und dass man das nicht einfach so verteilen kann", grantelt er.