Die Europäische Union hat am ersten Tag der Verhandlungen über die Doha-Runde der WTO angekündigt, ihre Agrarzölle stark zu kürzen. Möglicherweise könnte sich dann der EU-Markt für landwirtschaftliche Produkte aus Entwicklungsländern deutlich öffnen. Die Union sei bereit, ihre Subventionsobergrenze um fast 100 Milliarden Euro zu senken, sagte Handelskommissar Peter Mandelson in Genf. Die Agrarzölle sollten um mindestens 54 Prozent gekürzt werden. Mandelsons Sprecher Peter Power sprach sogar von durchschnittlich 60 Prozent.

Damit, so sagen die EU-Vertreter, wolle man gegenüber Schwellenländern wie Brasilien, Mexiko oder Indien ein starkes Zeichen setzen. Diese Staaten fordern eine starke Kürzung der Agrarabschottungen, bevor sie ihre eigenen Märkte für Waren und Dienstleistungen aus den Industriestaaten öffnen.

Auch die USA erklärten, die seit 2001 laufende Doha-Welthandelsrunde zu einem erfolgreichen Abschluss bringen zu wollen. Sie schlossen ebenfalls ausgeweitete Subventionskürzungen nicht aus. "Wir wissen, dass wir zu den Mitgliedern mit der größten Verantwortung für Führung gehören, und ich bin hier, weil die Vereinigten Staaten bereit bleiben, nach vorne zu gehen und die Verantwortung zu übernehmen", sagte die US-Handelsbeauftragte Susan Schwab.

Mandelson sagte, falls die in Genf verhandelnden Minister zu einer Vereinbarung gelangten, werde die EU ihre Agrarexportzuschüsse völlig abbauen und die Zölle auf Importe von Nicht-Agrarprodukten um insgesamt eine Billion Euro senken. "Eine mögliche Vereinbarung wäre von gewaltigem wirtschaftlichen Wert und auf die Interessen der Agrarexporteure in den Entwicklungsländern maßgerecht zugeschnitten", sagte Mandelson. Dieses einmalige Vorgehen werde in Europa schmerzhaft sein. "Aber es liegt jetzt auf dem Tisch, weil wir uns dieser Runde und dem multilateralen Handelssystem verpflichtet sehen", sagte der EU-Kommissar.

Die nach der Hauptstadt des Emirates Katar benannte Doha-Runde sollte ursprünglich vor allem den ärmsten Entwicklungsländern zugutekommen und den Weltmarkt für ihre Agrarprodukte und Waren öffnen. Dennoch kritisieren Globalisierungsgegner sie heftig. Der aktuelle Vertragsentwurf gefährde die Versorgung armer Länder mit Nahrungsmitteln, schrieb etwa die Entwicklungsorganisation Oxfam in einer Pressemitteilung. "Die Verhandlungen in der WTO gehen weiter, als ob es die Nahrungsmittelkrise nicht gegeben hätte", sagte Oxfam-Handelsexpertin Marita Wiggerthale.

Die "Nord-Süd-Initiative" Germanwatch teilte mit, ein Scheitern der Verhandlungen "wäre aus entwicklungspolitischer Sicht kein Beinbruch". Auch die derzeit diskutierten Kompromisse werden die großen Industrienationen nicht zu einer Änderung ihrer entwicklungsschädlichen Agrarpolitik bewegen, sagte Germanwatch-Handelsexperte Tobias Reichert. In den USA und der EU bliebe vieles beim Alten, während viele Entwicklungsländer weitreichende Zugeständnisse machen müssten, so Germanwatch. Die Organisation fordert einen kompletten Neubeginn der Verhandlungen, der auch den Klimawandel und die hohen Lebensmittelpreise berücksichtigt.