Der Atomstreit spaltet das Land noch immer, aber er macht uns nicht klüger. Je lauter über die Laufzeiten der Atomkraftwerke geredet wird, desto mehr werden die eigentlich interessanten Fragen des zukünftigen Energiemix verdrängt. Deshalb plädieren wir für ein deutsches "Apollo-Energie-Programm". Es soll ein kühner Entwurf für die Energie-Infrastruktur des 21. Jahrhunderts sein.

Eine Diskussion über verlängerte Laufzeiten der Atomanlagen, um "Zeit" für den Aufbau einer erneuerbaren Energiebasis zu "kaufen", mag auf den ersten Blick einleuchten. Aber noch ist die Faktenlage intransparent: Welche AKW müssen aufgrund von Altersschwäche und Unrentabilität tatsächlich schon viel früher als gesetzlich vorgesehen abgeschaltet werden? Welche der 17 AKW eignen sich überhaupt dazu, länger zu laufen? Wie hoch wären die Zusatzkosten für ihre Sicherheit? Wie würde die Politik eine mit der Laufzeitverlängerung verbundene Blockade von Investitionen verhindern, die für den Bau anderer Energieanlagen, für den verschleppten Ausbau des Stromnetzes für die erneuerbaren Energien drohen? Wie viele "stranded investments", also Wertverluste bei Investitionen in alternative Energien, werden die längeren Laufzeiten produzieren? Und wie hoch würden dadurch die Strompreise zusätzlich steigen? Wie wird verbindlich ausgeschlossen, dass mit der Laufzeitverlängerung eine Option zum Neubau von Atomkraftwerken verbunden wird?

Behauptet wird, dass die Atomenergie für den Klimaschutz eine Brückentechnologie sei, aber geschwiegen wird darüber, wohin diese Brücke führen soll. Versprochen wird, dass mehr Atomstrom den Ölpreis und die Energiekosten generell senken würde, aber wie aus diesem Wunsch, der schon bisher immer Legende blieb, dieses Mal Wirklichkeit werden soll, bleibt unklar. Als ungeliebte Klimaschützer werden Atomkraftwerke tituliert, aber es gibt keinen Plan, wie in Deutschland der Bau neuer Atomanlagen zu der bei uns bis 2020 erforderlichen 40-prozentigen Kohlendioxid-Einsparung beitragen soll. Das gilt auch weltweit: Sollten mit einem Schlag Hunderte neuer AKW gebaut werden, wird sich herausstellen, dass das praktisch gar nicht geht. Die Marktwirtschaft würde dafür sorgen, dass die Anlagenkosten unermesslich ansteigen, ganz zu schweigen davon, dass die Baukapazitäten ohnehin nicht vorhanden wären.

Aus Sicht der internationalen Sicherheitspolitik wäre die Option Kernkraft wohl nur denkbar, wenn sie mit einem grundlegenden Technologiesprung verbunden wäre, der die Proliferation und den Plutonium-Missbrauch praktisch unmöglich macht und die Endlagerung zuverlässig löst. In einigen Jahrzehnten wird man zurückblickend den schweren Fehler erkennen, den die Politik um die Jahrtausendwende herum machte, indem sie der Proliferation keinen Riegel vorschob. Wer verhindern will, dass jedem Staat, der ein Atomkraftwerk baut, auch der Weg zur Bombe offensteht, der muss eine strukturelle Lösung für die Nicht-Weitergabe von waffenfähigem Nuklearmaterial finden. Noch ist diese Lösung nicht in Sicht, und die Proliferation bleibt langfristig das höchste Risikopotenzial.

Je vehementer der Atomausstieg verteidigt wird, desto lauter wird verschwiegen, dass er längst ausgehöhlt ist. Denn der Ausstiegsbeschluss stammt aus einer Welt, die es heute nicht mehr gibt. Damals waren die Energiemärkte noch halbwegs national abgeschlossen. Heute wird das europäische Energienetz immer enger verbunden. Energiewirtschaftlich gesehen hat Deutschland heute keine nationalen Grenzen mehr. In Zukunft wird im "deutschen Energiemix" auch Atomstrom von jenseits der Grenzen eine Rolle spielen. Das bedeutet, dass der Atomausstieg eine europäische Dimension bekommen muss, um eine Zukunft zu haben. Von ihr sind wir jedoch meilenweit entfernt.

Deutschland wird seit Jahrzehnten ohne ein ganzheitliches Energieprogramm regiert. Die Politik hat sich entlang der Interessen der unterschiedlichen Energiesparten fragmentiert und differenziert, die Energieversorger wursteln sich zwischen Brüsseler Marktliberalisierung und nationalem Stückwerk durch und ihre Gewinne scheinen ihnen Recht zu geben. Untergründiger Antagonismus und klammheimliche Freude entscheiden mehr als offener Dialog und transparente Interessenvertretung. In Großbritannien steht in vergleichbaren Fällen der Weg offen, eine Royal Commission einzusetzen - in Deutschland kennen wir nur die Kanzerlinnen-Runden beim Energiegipfel, die jedoch, trotz dreier Anläufe, nichts gebracht haben, was nicht auch ohne sie zustande gekommen wäre.