"Vorsicht Abgrund!" warnt ein Plakat an der Seestraße Großräschen, obwohl die Asphaltspur noch schier endlos schnurgeradeaus zu führen scheint. Aber nach 300 Metern ist die heile Welt tatsächlich abrupt zu Ende. Ein Krater klafft in der Erde, schwarze Schluchten, baumlose Sandgebirge tun sich auf – wüstes Land, so weit das Auge reicht. So sehen Restlöcher aus.

35 Jahre lang haben sich hier die Bagger vom Tagebau Meuro wie ein nimmersattes Untier durch die Erde gefressen. Als der letzte Kohlenzug 1999 aus der Grube rollte, waren 330 Millionen Tonnen Braunkohle abgebaggert. Zurück blieb eine gigantische Abraumkippe, an dessen Rand neuerdings Menschen gemütlich in Liegestühlen sitzen. Und wenn sie von den IBA-Terrassen in den Abgrund blicken, träumen sie von weißen Segeln auf tiefblauem See.

In Großräschen hat die Internationale Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land ihr Besucherzentrum und ihre Zentrale. Mit 25 Projekten begleitet sie die Rekultivierung der sogenannten Bergbaufolgelandschaft in der Lausitz, wo aus der Restlochkette 21 stillgelegter Gruben das größte künstliche Seengebiet Europas entsteht. M it dem letzten, dem Ilse-See in Großräschen, wird das Seenland laut Plan im Jahr 2018 komplett geflutet sein.  Im Geierswalder See nebenan wird schon gesegelt und gebadet, auf dem Partwitzer See dümpelt das erste schwimmende Haus als Reverenzobjekt für eine ganze Siedlung, und auf dem halbvollen Sedlitzer See finden neuerdings Floßtouren statt und es gibt Pläne für ein Lagunendorf.

Seit 16 Monaten läuft Wasser in die Grube. Aus der Ferne schimmert schon ein türkisfarbenes Auge. Plastikbänder an der Böschung lassen ahnen, wo später Wellen ans Ufer schlagen werden. Dann darf auch die Seebrücke ihrem Namen alle Ehre machen – noch ragt das "Blaue Wunder", ein umgebautes ausgedientes stählernes Tagebaugerät, 65 Meter weit ins Nichts. "Wird sich alles noch entwickeln", sagt Günter Kalliske, alteingesessener Großräschener. "Anfangs haben wir die Leute von der IBA bloß belächelt. Von uns konnte sich keiner vorstellen, dass Leute hierher kommen, um in ein Loch reinzugucken." Doch seit einem Jahr führt der 58-jährige ehemalige Elektrikermeister Besucher durch den stillgelegten Tagebau. "Diese Zwischenlandschaft zu erleben, ist immer wieder interessant."

Solange das Wasser noch nicht da ist, ist die Grube begehbar. "Reise zum Mars" heißt die Tour in den Abraum – es ist ein Abstieg auf den Grund der Erinnerungen. "Wir stehen jetzt 50 Meter unter dem ehemaligen Dorf Bückgen", erzählt Kalliske, "genau über uns standen einmal Wohnhäuser". Doch Häuser, Kirche, Kino und Schule der späteren Industriesiedlung sind bloß noch Phantome. 1989 kamen die Bagger, genauso erbarmungslos wie zuvor in 136 Lausitzer Ortschaften. 4000 Menschen mussten dem Tagebau Meuro weichen. Es war die größte Umsiedlungsaktion der DDR.

1993 ist es noch gelungen, die letzten vier Häuser zu retten. Nur deshalb ragt das rote Dach des ehemaligen Ledigenheims über den Grubenrand. Frisch saniert ist es als "Seehotel" eröffnet worden, das erste Signal der neuen Zeit. Statt Bergbau soll hier nun Tourismus florieren. Die Pläne für den Campingplatz, das Hotel und den Wohnpark direkt am See sind bereits gedruckt.

Aber noch ist das Neue nicht fertig, und das Alte existiert nicht mehr. Wirklich vorstellen kann sich der Besucher beides nicht, wenn ihm hier die Schwefelschwaden um die Nase ziehen. Kohle stinkt. "Und auch der Abraum ist teilweise dermaßen mit Schwefel versetzt, dass darauf nichts wächst", sagt Kalliske. Ein sorbisches Sprichwort lautet: "Gott hat die Lausitz erschaffen, der Teufel die Kohle darunter gelegt. "