Auf den ersten Fotos sieht Radovan Karadžić aus wie ein gealterter Hippie, dem die Ähnlichkeit mit dem Weihnachtsmann nichts ausmacht. Ich ertappe mich dabei, wie ich sofort an Saddam Hussein denke. Der trug ebenfalls einen Bart, sah aber struppiger und verlebter aus. Auch konnte Hussein nicht ungestört Vorträge und Seminare zur Alternativmedizin im Irak halten. Vielleicht kannte er sich nicht aus mit "Bioenergien" oder religiöser Meditation oder – darin gab sich Karadžić als Experte aus – mit Potenzproblemen.

Wie Hohn muss die bürgerliche Existenz des Mannes klingen in den Ohren all jener, die wissen, zu welchen Untaten seine Schergen fähig waren –  während der Jahre, als der heutige "Dr." Dabić nicht über anti-aufklärerische, paranormale Heilverfahren palaverte, sondern als chauvinistischer Machthaber einen Feldzug gegen Mensch und Menschlichkeit führte, dessen bestialische Ausmaße sich nach den Gräueln des Zweiten Weltkrieges wohl niemand hätte vorstellen können.

Auf den dann schon deutlicheren Fotos sieht man Karadžić in seiner Rolle als "Erforscher des Geistigen" in Gesellschaft junger Menschen oder bei einer Podiumsdiskussion. Der erste Reflex der Abscheu lässt nun schon eher Platz für den neugierig investigativen Blick und die Frage: Hätte ich ihn erkannt? Man sucht nach Ähnlichkeiten zwischen diesem Mann dort, auf diesen, dem Anschein nach, privaten Fotos und jenem Mann in Uniform, der mit einem Gläschen Schnaps in der Hand von der "Homogenisierung der Bevölkerung" spricht und darunter ethnische Säuberung und Genozid versteht. Man findet keine, sagt sich: "Höchstens die Augen."

Ich rufe einen ehemaligen Schulfreund in Bosnien an. G. ist Serbe, er lebt immer noch in unserer Geburtsstadt Višegrad, in einer Region, in der 2000 bis 3000 Bosniaken als ermordet oder vermisst gelten, und aus der Zehntausende vertrieben wurden. Ich frage G., wie die Stimmung "da unten" sei.

"Die einen freuen sich, die anderen nicht", ist seine knappe Antwort.

"Proteste?", frage ich.

"Natürlich", sagt er, "und auch Poster hängen schon überall. ’Wir alle sind Karadžić!’, steht da drauf, ’Unser Präsident, wir sind bei dir!’, und unter einem mit Karadžić und Mladić: ’Unsere serbischen Helden!’"

"Die einen freuen sich, die anderen nicht", ist der pessimistischste einfachste gemeinsame Nenner, auf den sich das Ereignis reduzieren lässt, weil wieder einmal ein Konsens zwischen den Lagern fehlt. Es ist mühsam, dies immer zu betonen, aber leider muss man es immer noch tun: Es sind natürlich nicht alle Serben, die sich freuen und hinter Karadžić stehen. Meine serbische Großmutter sagt, jetzt kriegt er, was er verdient, G. sagt, so viel, wie der verdient, kann er in Europa leider nicht kriegen.

Es sind dennoch die Ähnlichkeiten in den Reaktionen der Betroffenen und Beteiligten, der Kommentatoren und Kollaborateure, die einmal mehr zeigen, wie emotional und wie groß die Kluft zwischen den ethnischen Gruppen in Bosnien bleibt und wie viel Arbeit noch in Richtung einer echten, praktischen Versöhnung getan werden muss. Ein Gemeinschaftsgefühl, eine gemeinsame Freude, die verbindende Ahnung, man habe miteinander etwas erreicht, lässt sich auch dieses Mal nicht erkennen. Der Riss, der sich durch Bosnien zieht, für den Karadžić töten ließ und der dann mit dem Dayton-Abkommen besiegelt wurde, ist eine ethnogeografische, geschichtliche und schließlich auch private Wunde für Hunderttausende. Heilen müssen wir sie gemeinsam.