ZEIT ONLINE: Herr Vorov, schön Sie in Berlin zu treffen. Wie war die Reise von St. Petersburg?

Alexey Vorov: Danke, ganz gut. Auf direktem Weg braucht man per Anhalter von St. Petersburg nach Berlin im Schnitt zwei Tage. Aber meine Freundin war das erste Mal in Westeuropa. Statt über das Baltikum sind wir deshalb über Finnland, Schweden und Dänemark nach Deutschland getrampt.

ZEIT ONLINE: Wie hat es mit dem Trampen geklappt?

Alexey Vorov: Ausgezeichnet. Wir waren fünf Tage unterwegs. Auf Europas Autobahnen zu trampen ist im Prinzip wie S-Bahn fahren, bloß schneller. Man wartet, steigt ein und fährt los. Im Durchschnitt steht man nicht länger als 15 bis 20 Minuten. Nur ein Mal hat es ein bisschen länger gedauert, nachts um zwei an der Grenze in Flensburg – vier Stunden standen wir da.

ZEIT ONLINE: Was war die längste Zeit, die Sie je warten mussten?

Alexey Vorov: Das war 1992. Da haben wir drei Tage in Tschukotka, Nordostsibirien, im arktischen Teil Russlands, von einem Truck zum nächsten gewartet. Der hat uns 50 Kilometer mitgenommen, und dann hat es noch einmal drei Tage gedauert, bis wir weiter kamen.

ZEIT ONLINE: Drei Tage in Sibirien auf der Straße? War das nicht sehr kalt?

Alexey Vorov: Ach, es war noch okay, die Temperaturen lagen bei minus 20 Grad. Wir waren vier Leute, warm angezogen, es war ein Haus in der Nähe. Wir wechselten uns ab, saßen auf einem Stuhl, tranken Tee und schauten in die Tundra, bis der nächste Truck kam. Es war nicht gefährlich oder schwierig, nur ein bisschen lang.

ZEIT ONLINE: Warum macht man so etwas?

Alexey Vorov: Als George Mallory, der Bergsteiger, gefragt wurde, warum er denn unbedingt den Mount Everest erklimmen wolle, antwortete er: "Weil er da ist!" Das war eine gute Antwort. Wie Bergsteigen ist Trampen eine Möglichkeit, unsere Erde aus einer anderen Perspektive zu entdecken. Du siehst sie mit den Augen der Einheimischen, mit denen du reist, wirst zu ihnen nach Hause eingeladen, bekommst ihre Ängste und Wünsche mit. Wenn du nur in Hotels übernachtest und mit Flugzeugen fliegst, dann siehst du gar nichts, nur das, was du sehen sollst, aber nicht das wirkliche Leben.

ZEIT ONLINE: Sie sind in den letzten 30 Jahren mehr als 1,5 Millionen Kilometer getrampt. Können Sie sich noch an Ihre erste Strecke erinnern?

Alexey Vorov: Ja, ich stand mit einem Schulfreund in St. Petersburg am Straßenrand und probierte es einfach mal aus. Am Anfang war es Neugier, dann hat es sich schnell zu einem Sport und einer Leidenschaft entwickelt. Wir traten gegeneinander an, haben Wettkämpfe und Expeditionen veranstaltet.