Wenn man aufs Dach des Centre Pompidou in Paris hinauffährt, mit der roten Rolltreppe ganz nach oben, hat man eine der herrlichsten Aussichten auf die Dächer der Stadt. Zwischen Eiffelturm, Notre-Dame und Sacre-Cœur liegen jene für Paris typischen braunen, alten Häuser und deren "Patina der Zeit", wie Gábor von Vaszary schreibt. "Paris ist nicht schmutzig", Paris ist romantisch. Und so geht es gar nicht anders, als dass man irgendwo eine kleine, vergessene Schriftstellerexistenz erahnen möchte, die sich von Kakao ernährt und sich ansonsten – was den Hunger betrifft – mit Knut Hamsun solidarisiert.

Gábor von Vaszary ist eine solche vergessene Existenz, dessen autobiografisch gefärbte Protagonisten in eben jenen kleinen Wohnungen hausen, in Paris in den fünfziger Jahren: Hierhin, in die "Hauptstadt der Welt", das "irdische Paradies", kam der ungarische Autor selbst in den in den zwanziger und dreißiger Jahren zu einem Studienaufenthalt. Seine Figuren sind Journalisten und Illustratoren, sie hangeln sich von Honorar zu Honorar und schlagen sich mit der Liebe herum.  "Es gibt Tage, wo die Erinnerung an Louise wie eine Stichflamme in mir auflodert. Auf so eine Erinnerungswelle folgt ein Schwächezustand, ich habe das Gefühl, als ob die schweren, schmutzigen Autobusse über mein Herz rattern", sagt der Ich-Erzähler namens Ypsilon in dem 1952 erschienenen Roman Sie, in dem es um die drei großen Lieben des Protagonisten geht.

Immer wieder die Liebe, immer wieder Paris – das ist es, worum sich beinah alles bei Vaszary dreht. Mit der Ironie eines Kurt Tucholsky und der Menschenkenntnis eines Thomas Mann beschreibt Vaszary die allzu menschlichen Dilemmata seiner Figuren: Wie sie zwischen der Freiheit des Alleinseins und der Sehnsucht nach Zweisamkeit und Liebe hin- und hergerissen sind. Das Ganze ist stets locker-leicht erzählt, zwischen selbstironischer Innenschau und bissiger Alltagsbetrachtung. "Es gibt Frauen, die kein anderes Ziel kennen, als sich kurz nach der Heirat körperlich und seelisch so zu verändern, daß man die Männer nicht mehr begreifen kann. Wie konnten sie als gescheite Leute so etwas heiraten? Zum Beispiel die Frauen, die in der Ehe ganz aus der Fasson geraten?", wütet der Ich-Erzähler in dem wundervollen Roman Monpti.

Gábor von Vaszary wurde entweder 1897 oder 1905 in Budapest geboren – je nachdem, ob man dem ungarischen und dem deutschen Eintrag bei Wikipedia glaubt oder den Klappentexten der alten Rowohlt-Ausgaben. In Kindlers Literatur-Lexikon fehlt ein Eintrag. Seine Bücher sind nur noch in Antiquariaten erhältlich. Hier allerdings in liebevoll illustrierten Taschenbuch-Ausgaben aus den fünfziger Jahren mit jenen inzwischen vergilbten, dünnen Blättern, die Erzählung in kleiner Schrift gedruckt. Hier kann man zwischen den Romanseiten sogar noch werbende Illustrationen für Nylonstrümpfe oder das "bewährte Benzol-Gemisch" für das geliebte "Kraftfahrzeug" entdecken -  der Werbetext ist meist noch dazu liebevoll auf den Inhalt des Buchs abgestimmt.

Im Internet gibt es über Vaszary gerade einmal sechs dünne, nichtssagende Sätze. Vaszary ging als Student nach Paris und arbeitete später als Journalist und Drehbuchautor in der Schweiz, wo er 1985 starb. Einzig heute noch wenigen Cineasten bekannt ist Vaszarys Titel Monpti, der 1957 von Helmut Käutner verfilmt wurde. In den Hauptrollen war das Traumpaar Horst Buchholz und Romy Schneider zu sehen. Schneider spielt die quirlige Anne-Claire, die ihrem Geliebten vorgaukelt, aus reichem Hause zu stammen. Doch sie ist arm wie eine Kirchenmaus. Der Ich-Erzähler, Monpti ("mein Kleiner"), wie Anne-Claire ihn nennt, ist selbst nicht betuchter, und wenn er einmal ein Honorar erhält, dann verprasst er es für einen teuren Hut oder ein Grammofon für seine Geliebte und schenkt den Rest einem Bettler.