Die Geschichte vom Selbstmord der 13-jährigen Megan Meier aus Missouri liest sich wie eine moderne Cybercrime-Story. Das Besondere daran: Die Hintergründe kamen nicht durch Ermittlungen der Polizei zutage. Sondern durch Einträge auf der Webseite rottenneighbor.com. Das ist ein mit Google Maps verknüpftes Bewertungssystem, einst von einem Privatmann gestartet, in das man Kommentare über seine verkommenen Nachbarn eintragen kann.

Zunächst hatte es bei rottenneighbor geheißen, üble Beschimpfungen ihrer Internetbekanntschaft "Josh" hätten Megan in den Selbstmord getrieben. Doch die Nachbarn wussten es besser. In Wirklichkeit hätte hinter dem Myspace-Profil von "Josh" die Mutter einer Freundin gesteckt, die nur wenige Straßen von Megan entfernt wohnt. Die Mutter hätte Megan quälen wollen, nachdem sich das Mädchen mit ihrer Tochter zerstritten hatte.

Diese Anschuldigungen veröffentlichten die Nachbarn auf rottenneighbor und fügten Adresse, Telefonnummer und Fotos der beschuldigten Familie dazu. Und dann begann, was man als Hatz eines ausgerasteten Mob 2.0 bezeichnen könnte, mit Telefonterror, stornierten Aufträgen bei dem kleinen Unternehmen der Familie und eingeschmissenen Fensterscheiben. Jeder Internetnutzer kann die Geschichte auf rottenneighbor nachlesen. Man muss nur die rot markierten Häuschen anklicken, die den Waterford Crystal Drive in Missouri säumen.

Nazis anprangern, Handwerker empfehlen oder vor einem Kurpfuscher warnen - das Netz eignet sich hervorragend als Bewertungsinstrument und als Pranger. Es diene der "raschen Verbreitung von Informationen über die Handlungen Dritter", sagt der Soziologe Andreas Diekmann. Dabei funktioniert das Netz fast  wie eine Dorfgemeinschaft. "Im Dorf ist es der Klatsch, im Internet das Reputationssystem", sagt der Experte für experimentelle Spieltheorie von der ETH Zürich. Er hat unter anderem untersucht, wie gut die soziale Kontrolle im E-Commerce bereits funktioniert. Beispiel Ebay: Aus Angst vor Reputationsverlust verhält sich die überwältigende Mehrheit der Nutzer kooperativ und freundlich.

Mario Grobholz, der auf myONID.de ("Mein guter Ruf im Internet") ein System zur privaten Suchmaschinenoptimierung bietet, ist überzeugt, dass Bewertungen künftig auch bei Privatpersonen an Bedeutung gewinnen. Noch erscheinen  Bewertungssysteme den Usern suspekt. "Häufig fehlt noch die Masse hinter einer Bewertung, sodass ‚Einzelschicksale’ leicht den Gesamteindruck prägen können", sagt er. Die privaten Nutzer haben darum eher Angst davor, Gegenstand einer hinterhältigen Schmähkritik zu werden.

Beispiele für folgenschwere soziale Anprangerungen gibt es schließlich genug. Bekannt wurde das sogenannte Craigslist Experiment. Die späteren Opfer hatten nichts weiter getan, als auf eine Kontaktanzeige zu antworten, die vor zwei Jahren auf den Internet-Seiten von Craigslist, einer vor allem in den USA prominente, lokale Kleinanzeigenseite, erschienen ist. In der Anzeige hatte eine offenbar attraktive Frau mit Foto inseriert. Sie gab recht unverblümt an, dass sie es "gerne hart" hätte. Das hat sie bekommen: Mehr als 150 Interessenten schickten ihr zum Teil mieseste Gewaltfantasien, und in den meisten Fällen Fotos von sich und ihren Geschlechtsteilen gleich mit. Viele Männer machten deutlich, was sie dieser Frau gerne antun wollten.