Die ersten Informationen waren bereits am Mittwochabend durchgesickert. Als der Parteiausschluss des ehemaligen SPD-Vizevorsitzenden und Wirtschaftsministers am Donnerstagvormittag jedoch offiziell bestätigt wurde, herrschte zunächst allgemeine Verblüffung. Offenbar traf die Entscheidung der Landesschiedskommission der nordrhein-westfälischen SPD nicht nur den Betroffenen, sondern auch den Landes- und Bundesvorstand der Partei weitgehend unvorbereitet. Clement selbst erfuhr in seinem Feriendomizil, dass die Partei, der er seit 38 Jahren angehört, ihn nicht länger als Mitglied dulden will.

Das Verdikt überraschte wegen seiner Härte. Statt mit einem Ausschluss hatten die meisten damit gerechnet, dass die Landeskommission die Rüge wegen parteischädigenden Verhaltens, die der Bochumer SPD-Unterbezirk im April wegen  Clements Äußerungen im hessischen Wahlkampf verhängt hatte, bestätigen würde. Dies wäre ein Mittelweg gewesen zwischen dem von mehreren Ortsvereinen geforderten Ausschluss und der von Clement verlangten Aufhebung der Rüge. Noch Mitte Juli hatte der Ex-Minister signalisiert, er werde sich mit einer solchen Entscheidung abfinden.

"Das jetzige Urteil mutet dagegen so an, als  würde man in erster Instanz zu einer Haftstrafe verurteilt, und in zweiter Instanz dann zur Todesstrafe", sagte der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, ZEIT ONLINE.

Sind hier also zweitrangige SPD-Funktionäre in einem sonst wenig beachteten Parteigremium über ihr Ziel hinausgeschossen? Betrachtet man die Reaktionen der Parteioberen, scheint es, als ob das Schiedsgericht die weitreichenden Folgen seiner Entscheidung nicht bedacht hätte.

Die Kommission, besetzt mit Parteimitgliedern, die keine innerparteilichen Funktionen haben, richtete sich allein nach den Buchstaben der Parteisatzung. In Clements Fall befanden die Mitglieder, der ehemalige Parteivize habe gegen die innerparteiliche Solidarität verstoßen, als er kurz vor der hessischen Landtagswahl Anfang des Jahres dazu aufrief, die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti nicht zu wählen. Nach den  Regeln des Parteistatuts ermöglicht dies den Ausschluss eines Parteimitglieds.

Die Parteiführung hingegen hätte einen solchen Schritt mit Sicherheit lieber vermieden. Der Parteivorstand selbst nahm zwar nicht Stellung. Aber sofort formierte sich eine Gruppe prominenter Clement-Verteidiger, die – wie der frühere Vorsitzende Franz Müntefering, keineswegs ein Clement-Freund, und Ex-Bundesfinanzminister und -kabinettskollege Hans Eichel – den Ausschluss angesichts "der Lebensleistung von Wolfgang Clement" als "unangemessen" verdammten.