Wenn Versuchstiere rennen, dann tun sie das in der Regel nicht für den Spitzensport. Labormäuse drehen ihre Laufradrunden, um menschliches Leben zu verlängern - für die Forschung also, für die Entwicklung von Medikamenten, welche Kranke heilen oder ihnen zumindest Linderung verschaffen könnten. Was aber, wenn ein Stoff sich dabei zufällig als so potenter Leistungskick entpuppt, dass er schlappe Nager ganz ohne Training in wieselige Marathonmäuse verwandelt?

Kalifornische Wissenschaftler sind jetzt tatsächlich über einen solchen Stoff gestolpert. In der aktuellen Ausgabe des Journals Cell berichtet ein Team vom Salk Institut in La Jolla von zwei Medikamenten, die eigentlich für die Therapie von Muskelschwund und Übergewicht gedacht sind. Sie greifen in den Stoffwechsel des Muskels ein, indem sie die Aktivität bestimmter Gene verändern. Die Muskelzellen verwenden dann vorwiegend Fettsäuren als Energiequelle, anstelle von Zucker - und werden damit leistungsfähiger.

Wie leistungsfähig, verblüffte allerdings auch die Forscher selbst: Eines der Mittel steigerte die Ausdauer im Test, ohne dass die Mäuse dafür eine Pfote heben mussten. Ganz ohne Training hatten die Tiere auf einmal mehr als 40 Prozent mehr Durchhaltevermögen. Eine solche Wirkung ist bisher noch für keinen Stoff beobachtet worden "Die Substanz macht den Muskel glauben, er sei täglich trainiert worden", sagt Ronald Evans, der Leiter der Studie. "Das beweist, dass es ein pharmakologisches Äquivalent für Ausdauertraining gibt".

Der Traum jeder Sofakartoffel! Und, wie die Forscher selbst befürchten, eine ernsthafte Versuchung für Sportler. "Es sind logische Ziele für einen Missbrauch, und wir sollten uns dessen bewusst sein", meint Evans. Ob die Mittel den Sportlern wirklich helfen würden, bleibt dabei offen. "Es ist nicht gesagt, dass diese Substanzen für eine längerfristige Leistungssteigerung geeignet sind - nur weil sie die Muskelausdauer kurzfristig steigern", sagt der Sprecher des Zentrums für Präventive Dopingforschung in Köln, Mario Thevis.

Unbekannt sei auch, welche Nebenwirkungen besagte Stoffe beim Menschen haben. "Oft ist gar nicht klar, welche Schäden die Metabolite einer Substanz im Körper anrichten können, und der Sportler begibt sich damit in eine sehr gefährliche Situation." Dennoch seien solche Substanzen natürlich im Fokus der präventiven Dopingforschung, "Wir beobachten diese Entwicklungen", sagt der Biochemiker. Denn wenn es um den Erfolg geht, kennen Sportler keine Schmerzgrenze.

"Die Hemmschwelle ist niedrig," weiß Thevis, "die Gefahr für die Gesundheit wirkt offenbar kaum abschreckend". Immer wieder gebe es Substanzen, die vor einer abgeschlossenen klinischen Prüfung an Menschen im Sport auftauchen. Die Welt-Antidoping-Agentur habe deshalb sogar schon eine Art Deadline vorgeschlagen, ab der gegen noch im Experiment befindliche Substanzen Maßnahmen ergriffen werden.

Doch wie weit kann der Arm der Dopingfahnder reichen? Evans weist in einer Pressemitteilung zur neuen Studie darauf hin, dass es nur für eine der beiden Substanzen einen Test gebe - und der ist bislang nicht für die Dopingkontrollen zugelassen. Der effektivere der beiden Stoffe, der schon jetzt relativ leicht zu beschaffen sein soll, ist dagegen überhaupt noch nicht aufzuspüren. "Es ist ein einfaches Molekül, das im Körper möglicherweise stark verstoffwechselt wird, sodass die Abbauprodukte im Urin schwer nachweisbar oder kaum von körpereigenen Stoffen zu unterscheiden sind", erläutert Thevis. 

Kurz vor den olympischen Spielen in Peking wird damit erneut offenbar, wie schwierig der Kampf gegen den unsauberen Sport geworden ist. Der Kölner Doping-Experte zeigt sich dennoch relativ optimistisch. "Ich glaube, dass wir in Peking mit relativ wenigen Dopingfällen rechnen müssen, weit weniger als in Athen auf jeden Fall." Die erhöhte Aufmerksamkeit der letzten Jahre habe die Angst der Sportler vor der öffentlichen Bloßstellung erhöht. Dass es absolut saubere Spiele geben wird, so wie der chinesische Staatspräsident Hu Jintao erst kürzlich verlauten ließ, glaubt dagegen nur noch ein Narr. "Es wird weiterhin Doping geben", stellt Thevis fest. "Doping gehört als unbeliebter Begleiter zum Sport dazu."