Vor Gericht erschien Radovan Karadžić rasiert mit gekürzten Haaren in einem dunklen Anzug und sah damit fast wie früher aus, als er Präsident der "Republik Srpska" war. Er machte einen entspannten, aber konzentrierten Eindruck, während der Richter Alphons Orie ihm die wesentlichen Punkte der Anklage vortrug. Ihm werden Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnienkriegs von 1992 bis 1995 vorgeworfen.

Richter Orie wies Karadžić auf sein Recht zu Schweigen hin. Sollte er schweigen, wird dies automatisch als "nicht schuldig" gewertet. Der Angeklagte hat 30 Tage Zeit, um sich für schuldig oder nicht schuldig zu erklären. Karadžić sagte, er wolle die Anklageschrift genau studieren, ehe er sich dazu äußere. Er wies darauf hin, dass Chefankläger Serge Brammertz bereits eine Überarbeitung der Anklage angekündigt habe. Brammertz bestätigte, dass die Anklage noch verändert werden solle, konnte aber keinen Zeitpunkt dafür nennen.

Auf die Frage, ob er keinen Anwalt wünsche, antwortet Karadžić, er habe einen "unsichtbaren" Verteidiger. Er folgt damit dem Vorbild des früheren serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic, der sich auch selbst verteidigte.

In seiner ersten Ansage verwies Karadžić auf eine Absprache mit den Vereinigten Staaten, die ihm 1996 Straffreiheit gegen einen politischen Rückzug versprochen hätten. Richter Orie unterbrach ihn und forderte ihn auf, dieses Argument mit Fakten zu erhärten und später erneut vorzubringen. Er solle auch erläutern, welche Konsequenzen eine solche Absprache für seinen Prozess haben könnte.

Karadžić beklagte auch "Unregelmäßigkeiten" bei seiner Verhaftung in Belgrad. Er sei von Zivilisten, die er nicht kenne, entführt und an einem ihm unbekannten Ort festgehalten worden.

Chefankläger Serge Brammertz geht davon aus, dass der Prozess in einigen Monaten beginnen kann. Auf einen Zeitpunkt für die Fertigstellung der endgültigen Anklage wollte er sich bei der Anhörung am Donnerstag nicht festlegen. Bei der Handhabung des Verfahrens wolle er aus dem immer wieder hinausgezögerten Milosevic-Prozess lernen, hatte Brammertz kürzlich angekündigt. "Es wird eine komplizierte Verhandlung, aber wir sind uns vollkommen im Klaren darüber, wie wichtig es ist, effizient zu sein."

Karadžić wird zusammen mit dem noch flüchtigen Ex-General Ratko Mladic für die 43-monatige Belagerung Sarajewos und den Mord an 8000 bosnischen Muslimen 1995 in Srebrenica verantwortlich gemacht. Die beiden Vergehen gelten als grausamste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.