ZEIT ONLINE: Wie durchbricht man so einen Teufelskreis?

Schmidbauer: Indem man ihn erst einmal erkennt. Als Nächstes müssen die Paare Distanz zueinander gewinnen, um sich im Anschluss wieder annähern zu können. Es gibt zwei Grundhaltungen, die ich in der Therapie vermitteln will: Verständnis und Humor.
Wenn man zum Beispiel dem Mann vor Augen führt, dass seine Frau mit ihrem Geständnis einen großen Schritt auf ihn zugegangen ist, schafft er es vielleicht zu akzeptieren, dass sie fremdgegangen ist. Shit happens, solche Dinge können jedem von uns passieren, es ist sinnlos, sich unversöhnlich darüber aufzuregen. Entweder ich verzeihe oder ich gehe.
Es hilft vielen Paaren, wenn sie die Aussichtslosigkeit ihrer verbissenen und festgefahrenen Diskussionen erkennen. Im besten Fall können sie dann gemeinsam nach vorne schauen und sich wieder gegenseitig bestätigen.

ZEIT ONLINE: Gibt es bestimmte Zeitpunkte, in denen Beziehungen besonders gefährdet sind?

Schmidbauer: Ein Baby bringt die meisten Paare in eine Stresssituation, sie müssen sich neu organisieren, bisher unausgesprochene kindliche Bedürfnisse aneinander müssen jetzt erkannt und realistisch eingeschätzt werden. Eine zweite Belastungsphase kommt meistens, wenn die Kinder größer und selbstständiger sind und zum Beispiel versuchen, Vater und Mutter gegeneinander auszuspielen. Und schon früher, beim Zusammenziehen, entsteht eine angespannte Situation, um so mehr, je weniger Konflikte in die Liebesbeziehung eingebettet werden können. Die meisten Liebespaare machen sich nicht klar, dass nicht die Harmoniesehnsucht, sondern die Fähigkeit zum liebevollen Streit darüber entscheidet, wie gut sich zwei unterschiedliche Individuen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen in einem gemeinsamen Territorium vertragen. Beim Zusammenziehen ist mein Partner mein geborener Feind, da er eigene Raumbedürfnisse hat. Ich muss lernen, mit ihm um Grenzen zu kämpfen, ohne aufzuhören, mich mit ihm zu versöhnen.

ZEIT ONLINE: Bekommen Sie Rückmeldungen, ob Paare wieder zusammengefunden haben?

Schmidbauer: In dem Fall, in dem die Frau ihren Mann betrogen hatte, bekam ich irgendwann eine Schwangerschaftsanzeige von den beiden.

ZEIT ONLINE: Gibt es auch therapieresistente Fälle?

Schmidbauer: Ja, die gibt es. Wenn ich zum Beispiel im Vorgespräch erfahre, dass ein Partner eine Affäre hat, die er seinem Partner auch weiterhin verheimlichen will. Aber von mir als Therapeuten verlangt, parallel dazu seine Ehe wieder harmonischer zu gestalten.
Ich bin Dienstleistungsanbieter und keine moralische Instanz, aber in solchen Fällen sage ich, dass ich noch nie erlebt habe, dass so etwas funktioniert. Es muss schon von beiden Seiten die Bereitschaft da sein, die Beziehung zu verbessern. Wenn man nur halbherzig herangeht oder aus taktischen Gründen, hat das wenig Sinn.

ZEIT ONLINE: Was kann man denn im Vorfeld machen, um viele Probleme gar nicht erst aufkommen zu lassen?

Schmidbauer: Grundsätzlich ist alles gut, was einen darauf vorbereitet, dass eine Partnerschaft nicht nur harmonisch ist. Durch unsere von Seifenopern geprägten Liebesvorstellungen sind wir darauf nur wenig vorbereitet. Ein Stück Enttäuschungsprophylaxe ist ganz gut.

Die Fragen stellte Carolin Ströbele