Eine Regierungspartei schließt ihren einstigen stellvertretenden Vorsitzenden aus – das hat es in Deutschland in der Form seit 1945 noch nicht gegeben. Im Fall von Wolfgang Clement ist es das vorläufige Endergebnis eines langen Entfremdungsprozesses. Er selbst hat sich so weit von der SPD entfernt und sie sich von ihm, dass man sich kaum noch vorstellen kann, dass er einmal als Superminister eine tragende Figur des zweiten rot-grünen Kabinetts von Gerhard Schröder war.

Aber gerade in dieser Rolle als entschiedenster Verfechter der Agenda-Reformen – nicht in seinen Äußerungen im hessischen Wahlkampf, die nur den Vorwand lieferten – liegt wohl der eigentliche Grund für seinen Parteiausschluss. Clement wurde als Mr. Hartz IV schon auf dem Agenda-Parteitag in seiner Heimatstadt Bochum 2003 demütigend abgestraft. Sein Rauswurf jetzt ist die späte Rache von Parteifunktionären, die sich mit den Arbeitsmarktreformen nie anfreunden konnten, welche aus ihrer Sicht die wahre Ursache für die Misere der Partei sind.

Kein Zweifel: Clement hat es seinen Gegnern leicht gemacht. Er hat sie immer wieder mit Äußerungen provoziert, die sich gegen den Mainstream der Sozialdemokraten richteten, den er so sehr verachtet wie viele Mitglieder heute ihn. Mit seinem Aufruf Anfang des Jahres, die hessische Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti nicht zu wählen, hat er schließlich die Grenze zulässiger innerparteilicher Kontroversen überschritten. Sie bot dem Landesschiedsgericht nun den formalen Anlass, ihm nach 38 Jahren das Parteibuch zu entziehen.

Denn keine Partei nimmt es hin, wenn ein prominentes Mitglied indirekt zur Wahl der Konkurrenz aufruft. "Parteischädigendes Verhalten" nennt man das, und so steht es in jeder Parteisatzung.

Dennoch ist sein Rauswurf politisch dumm, ja verheerend. In der SPD war nach Monaten der Qualen und Querelen, des Führungs- und Richtungskampfes gerade etwas Ruhe eingekehrt. Es sah so aus, als könne sie sich den Sommer über auf tiefem Niveau stabilisieren. Nun liefert sie selber, mitten im Sommerloch und ohne Not, eine Steilvorlage für neue wochenlange Auseinandersetzungen.

Denn Wolfgang Clement wird keine Ruhe geben. Dafür ist er als Westfale und alter Haudegen viel zu stur. Er wird die Entscheidung, unterstützt von seinem geistesverwandten Freund Otto Schily, vor dem Bundesschiedsgericht anfechten. Die Sache ist also längst nicht zu Ende.