Es ist der Weg der kleinen Schritte: Fast ohne Pause hat die internationale Gemeinschaft der Stammzellforscher in den vergangenen Monaten Erfolge vermeldet. Große Knalleffekte waren nicht dabei, und Normalsterblichen blieb bei all der induzierten Pluripotenz durch Reprogrammierung von Fibroblasten und ähnlich schwer Verständlichem meist verborgen, um was für beachtliche Erfolge es sich hier handelte.

Nun allerdings fügen sich die Puzzleteile zu einem Bild: In der aktuellen Ausgabe von Science berichtet ein Team um den US-Stammzellforscher Kevin Eggan von der Universität in Harvard, wie er aus Hautzellen zweier schwerkranker Frauen ganz gezielt bestimmte Nervenzellen gewonnen hat.  Die Patientinnen leiden an einer schweren Nervenerkrankung, der amyotrophen Lateralsklerose, kurz ALS, in deren Verlauf die für die Steuerung der Muskeln notwendigen Nervenbahnen zugrunde gehen. Die Betroffenen sterben meist innerhalb weniger Jahre an einer Atemlähmung.

Eben diese zerstörten Motoneuronen konnten die Wissenschaftler mit Hilfe jüngster Techniken jetzt neu aus den über achtzigjährigen Patientinnen gewinnen. Die grundlegende Methode geht auf zwei Japaner von der Universität in Kyoto zurück, denen es vor zwei Jahren erstmals gelang, erwachsene Zellen aus der Haut von Mäusen direkt – sprich: ohne einen Embryo erzeugen und zerstören zu müssen – in Stammzellen zu verwandeln. Möglich wurde das, weil die Forschung an echten embryonalen Stammzellen zuvor vier Erbfaktoren identifiziert hatte, die für den jungfräulichen Status der Zelle entscheidend sind.

Kazutoshi Takahashi und Shinya Yamanaka schleusten dieser vier Gene mit Hilfe von Viren als Fähren in erwachsene Hautzellen ein. Dasselbe haben Eggan und sein Team jetzt mit den Hautzellen von Patienten gemacht, und siehe da: Aus alt wurde neu, die Zellen spulten ihr Entwicklungsprogramm rückwärts und wurden zu Stammzellen. Der Vergleich zeigte auch hier, dass die induzierten pluripotenten Stammzellen (kurz iPS) den echten embryonalen Stammzellen aus Embryonen in ihren Eigenschaften quasi völlig gleichen.

Von der Hautzelle zum Nervenbündel - so funktioniert Reprogrammierung

Aus diesen Zellen lassen sich praktisch alle Gewebetypen bilden, die im erwachsenen menschlichen Körper vorkommen, sie sind pluripotent. Mehr noch, weil als Ausgangsmaterial das Gewebe des Patienten selbst verwendet wird, passen die neu gewonnen Zellen perfekt zu ihm - wollte man sie transplantieren, also kranke Zellen durch neue ersetzen, würden sie nicht abgestoßen.

Natürlich ist es trotz des in Science nun vermeldeten Erfolgs noch nicht ganz so weit: Zum einen erhöhen die per Virus eingeschleusten Gene das Krebsrisiko, die Zellen können so nicht für eine Therapie eingesetzt werden. Zum anderen könnten auch transplantierte Zellen der Krankheit zum Opfer fallen, insbesondere, falls die Ursache der ALS im Erbgut der Patienten liegen sollte - denn das wäre in erneuerten Nerven immer noch dasselbe.

Trotzdem ist die Arbeit ein Beleg dafür, dass das Prinzip funktioniert. "Niemand hat es bisher geschafft, diese Zellen aus einem Patienten zu gewinnen und sie in einer Petrischale heranzuziehen", sagt Kevin Eggan. Und er erklärt auch den unmittelbaren Nutzen: "Wir können die Zellen, die im Zuge dieser furchtbaren Krankheit absterben, jetzt unbegrenzt gewinnen. Und das erlaubt uns, diese Neuronen und die Krankheit im Labor zu untersuchen, herauszufinden, was genau dabei passiert." Vor allem können die Forscher künftig direkt am Gewebe der Patienten Medikamente testen - bisher war dies nicht möglich.

Andere Arbeitsgruppen arbeiten außerdem daran, die verbleibenden Hürden für eine Zelltherapie zu überwinden. Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster hat erst kürzlich gezeigt, dass die heiklen Genfähren zum Teil verzichtbar sind oder sich durch einfache Moleküle ersetzen lassen.