ZEIT ONLINE : Dann ist es also doch nicht das Spielprinzip, das süchtig macht?

Bergmann : Es ist das Zusammenwirken aus dem, was diese Spiele bieten, und der sehr spezifischen seelischen Verfassung moderner Kinder.

ZEIT ONLINE : Den Kindercharakter formt aber maßgeblich das Elternhaus.

Bergmann : Ein zentrales Problem sind Bindungsstörungen in modernen Kleinfamilien. Kinder müssen Gefühle und Selbstempfinden, auch das körperliche, erst lernen. Dazu brauchen sie eine sichere Mutter und einen stabilen Vater. Wenn dabei die Feinfühligkeit fehlt - wenn etwa die Mutter zu schwach ist, weil Papa die Familie verlassen hat, oder auch bloß eine Steuernachzahlung ins Haus steht -, dann lernen die Kinder sich selbst nicht ausreichend kennen. Sie bleiben sich fremd. Diesen Kindern fehlt die Gefühlsdifferenzierung, um emotional zu empfinden. Ihre Realitätserfahrung wird immer funktionaler, immer kälter. Das sind die typischen Computerabhängigen.

ZEIT ONLINE : In der Öffentlichkeit wurden vor allem "Killerspiele" diskutiert. Oft klang es so, als würden die Spiele die Kinder verderben. Sie sagen, dass Spielesucht immer mit einer psychischen Störung zusammenhängt.

Bergmann : Ja, immer. Übrigens sind Ego-Shooter bei weitem nicht so gefährlich, wie immer getan wird. Diese Spiele, wenn sie nicht online gespielt werden, spielt man und irgendwann hört man auf, weil sie langweilig werden. Anders ist es bei den Online-Spielen. Kinder, die süchtig danach sind, haben wesentliche seelische Probleme, die sich aus der frühkindlichen Bindungsnot und dem folgenden Realitätsverlust ableiten lassen. Diese Zusammenhänge muss man in der Therapie angehen.